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Dienstag, 27. Oktober 2015

Our Little Sister / Umimachi Diary / Unsere kleine Schwester (Hirokazu Kore-eda, Japan 2015)


Ganz am Anfang dieses wundervollen Filmes gibt es eine Szene, die Referenz an den japanischen Großmeister des Familiendramas erweist: an Yasujiro Ozu. Die erwachsenen Frauen, die hier im Film beinahe ganz ohne Eltern sind und wie in einem "Mädcheninternat" zusammen leben, sitzen um einen großen Tisch herum beim Essen. Die Kamera befindet dich draußen vor der Veranda und senkt sich auf die Höhe des Tisches herab. Dort verharrt sie, wie in einer klassischen tiefen Einstellung bei Ozu, für die er so berühmt geworden ist. Aber nicht zu lange, es ist nur eine ehrerbietende Verbeugung, die Kore-eda hier einfügt. Gleich darauf löst er die Szene wieder auf im freien Spiel der Einstellungen, Nahaufnahmen, sanften Schwenks und liebevollen Blicke. Kurz darauf, eine weitere Anspielung auf Ozus Noriko-Filme (mit der großen Setsuko Hara in der Hauptrolle), wenn es um die Verheiratung der ältesten Tochter geht. Die steht immer noch aus, da sie eigentlich gar nicht heiraten will (sie liebt einen Arzt im Krankenhaus, der aber selbst unglücklich verheiratet ist) - und die sich viel lieber wie eine Schwester-Mutter um das Haus und die Geschwister kümmert. Es ist ein altes japanisches Haus, ein Junichiro Tanizaki-Haus aus Holz und mit Papier-Schiebetüren, mit Garten und Pflaumenbaum und einem Kotatsu im Winter (einem beheizten Ofen-Tisch mit Decken), wenn es kalt wird. Drei Frauen leben da, die Mutter hat ihre Töchter für einen anderen Mann verlassen und wohnt im Norden, in Sapporo. Die ältere Generation hat die jüngere im Stich gelassen (bei Ozu in der TOKYO STORY vernachlässigt noch die jüngere die ältere, weil das moderne Leben keinen Platz lässt für Traditionen) und als sich der Todestag des Vaters nähert, erfahren die Frauen, dass sie noch eine jüngste Schwester haben, dort wo der Vater mit seiner letzten Frau gelebt hatte. In einem Onsen auf dem Land über einem Fluß, dort also, wo heute noch die alten Traditionen gelebt werden. Die jüngste Schwester entpuppt sich als Goldstück, und die Geschwister laden sie prompt ein, zu ihnen in den Ort am Meer zu ziehen, in das Haus der Familie, zu der auch sie ja eigentlich gehöre. Diese ergreift die Chance, die sich ihr nun bietet und schließt sich dem "Mädcheninternat" an. 

Und dann geht der Film dem Alltag der Frauen nach, verästelt ich in seine verschiedenen Erzählstränge, in seine verschiedenen Leben, die alle ganz gewöhnlich und ganz spannend sind, so wie normale Leben eben spannend sein können, wenn man genau genug hinsieht. Überall finden sich die kleinen Freuden und inneren Dramen, Liebe, Verzweiflung, Krisen. UMIMACHI DIARY ist ein reifer Film eines großen Filmemachers, der nichts mehr beweisen muss. Das merkt man in jedem Moment, wo die Kamera auf den kleinen Dingen verweilt, mit einer verhaltenen Souveränität, die ihren Gegenständen ihre Würde lässt. Ob es das Fußballspiel der neuen Schwester ist, das heimliche Trinken der mittleren, die von ihrem Freund abgezockt wird, oder die unglückliche Liebe der ältesten, die die Fehler wiederholt, die der Mutter der jüngsten Schwester vorgehalten werden - sich ausgerechnet in einen verheirateten Mann zu verlieben. Eine Frau, die durchaus mit Strenge und etwas Vernunftüberschuss sich um die "Erziehung" ihrer schon längst  erwachsenen Geschwister kümmert. Auch die teuflischen Einflüsterer, die hinter den Motiven der jüngsten Schwester dunkle Absichten vermuten, können das Vertrauen der Geschwister in sie nicht erschüttern. Sie haben keine Chance, die fragile Balance des neu gefundenen Miteinanders auszuhebeln - und da darf man sich auch als Zuschauer einmal darüber freuen, dass auch im Film nicht immer alles schief gehen muss. Auch im Japanischen nicht, das mit seinem mono no aware mich schon oft emotional vernichtet zurückgelassen hat. Nein, auch hierin zeigt sich Hirokazu Kore-edas Souveränität, der es seinen Figuren ansonsten nie leicht gemacht hat mit ihrem Schicksal. Dem Film deswegen weniger Tiefgang zu unterstellen, wie ich mehrfach gelesen habe, wäre ein großer Fehler und eine ungerechte Unterstellung zugleich. Der Film, der sich thematisch übrigens manchmal wie eine inoffizielle Fortführung von NOBODY KNOWS anfühlt, besteht ja nun nicht nur aus einem Happy End, und wenn man genauer hinkuckt, muss man auch das eigentlich in Frage stellen. Für mich einer der schönsten Filme des Jahres.

Michael Schleeh

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UNSERE KLEINE SCHWESTER läuft am 17. Dezember in den deutschen Kinos an.

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Badlapur (Sriram Raghavan, Indien 2015)


BADLAPUR hat bei Erscheinen ein großes Echo ausgelöst: endlich ein Film, der Bollywood einen Neustart verpassen könnte! So die Hoffnungen derer, die von der kommerziellen Ausrichtung des Hindi-Films mit seinen immer gleichen Schablonenfilmen und Schablonenhelden enttäuscht sind und schon lange gelangweilt waren. Und BADLAPUR ist tatsächlich anders, fühlt sich viel realistischer und dunkler an, ist viel näher an Kashyaps GANGS OF WASSEYPUR (an den übrigens dieselben Hoffnungen nach Veränderung und damit einhergehender internationaler Anerkennung geknüpft wurden), als an den künstlich durchgestylten Plastikfilmen der Filmindustrie. Eine verirrte Seele im Netz schrieb sogar etwas von cinéma vérité (was natürlich Quatsch ist), aber es wird wohl klar, auf was man hinaus will. Denn der Held dieses Rachethrillers ist eben keiner, dem man Sympathien entgegen bringen kann. Zumindest in der zweiten Hälfte nicht (mehr). Dann, wenn er sich geradezu besessen von seiner Rache zeigt und selbst zum Mörder wird. Da verlagern sich die Sympathien des Zuschauers komplett, und das ist sicherlich das allergrößte Verdienst dieses Films, diese klaren Oppositionen aufzubrechen und den Zuschauer zum Nachdenken zu bewegen, was Gerechtigkeit eigentlich bedeutet und Schuld und Sühne, Vergebung. Weniger gut ist dann leider, dass Raghavan sich des öfteren dazu entschließt, seine Figuren das auch deutlich aussprechen zu lassen und so wiederum in einen Ton des überdeutlichen Message-Kinos zu verfallen; als Bevormundung könnte man das auch empfinden. Zum Glück macht er nicht den Fehler, diese Momente in einen Voice-over zu packen (was leider nicht gerade selbstverständlich ist (und beim veristischen Kino sowieso der Todesstoß wäre)), sondern lässt es die Figuren im Film quasi "natürlich" in Dialogen ausführen - aber die Richtung ist freilich klar und raubt dem Zuschauer die Eigenleistung und den intellektuellen Freiraum.

Die Tagline des Films lautet "Don't miss the Beginning", und am Anfang kann man sich tatsächlich fragen, was an dieser Alltäglichkeit eigentlich erzählenswert ist: eine einfache Straßenszene in Pune, eine Stadt südlich und unweit von Mumbai. Die Kamera statisch zwischen parkenden Autos auf die Fahrbahn hinaus, drüben ein Gemüsestand, eine Bank, ein Ladengeschäft. Leute kaufen ein, fahren vorbei, unterhalten und streiten sich. Eine Frau kommt aus der Bank, an der Hand ihr Kind. Sie überqueren die Straße, schließen das Auto auf und steigen ein. Zugleich aber rennen zwei maskierte Männer aus der Bank, panikartig, mit einer dicken Sporttasche. Sie erblicken die einsteigende Frau, erkennen ihr potenzielles Fluchtfahrzeug, stürmen auf sie zu, während hinter ihnen die Sicherheitsleute mit Schrotflinte herausgestürzt kommen. Die Bankräuber kidnappen Frau und Kind und rasen davon, Polizisten mit Jeeps bereits hinter ihnen her. Auf der Flucht durch die Stadt das totale Chaos: die Beifahrertür springt plötzlich auf und das Kind fällt heraus. Die Mutter dreht durch. Die Räuber sowieso in Panik. Da brennen dem Fahrer die Sicherungen durch und er erschießt die Frau. Nach einer scharfen Kurve stoppt er und lässt den Kompagnon unbemerkt mit der Beute davon rennen, er selbst wird kurz darauf von der Polizei eingekesselt und die Frau kommt lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus. Ihr Mann stürzt ins Krankenhaus nur um ihren letzten Atemzug noch mitzubekommen. Der Fahrer, der den Mord auf den Flüchtigen abschiebt wird verurteilt und muss für zwanzig Jahre ins Gefängnis. Sein Name ist Liak und wird gespielt von Nawazuddin Siddiqui.

Fortan erzählt der Film die Ereignisse zweier verschiedener Handlungsstränge - die Rachegeschichte um den Ehemann Raghu (Komödienakteur Varun Dhawan aus ABCD 2 und STUDENT OF THE YEAR hier in einer komplexen und düsteren Rolle), der die Mörder seiner Familie nun selbst aufspüren will, da die Polizei nicht weiter kommt; und andererseits die Ereignisse um Liak im Gefängnis, der mehrfach auszubrechen versucht um an den Teil seiner Beute zu kommen. Damit er mit seiner Freundin, der gut aussehende Prostituierten Jhimli mit großem Herz (und Dekolleté (Huma Qureshi)), mal richtig auf die Pauke hauen kann. Nun könnte man vermuten, dass aus Ragha ein eiskalter Racheengel wird, aber weit gefehlt. Vielmehr ist er ein gebrochener Mensch, der nicht über den Tod seiner Geliebten hinweg kommt. Das Angebot seiner Familie, mit nach Delhi zu kommen, schlägt er aus. Er kündigt seinen Job, verschwindet aus seiner Wohnung, zieht in ein unpersönliches Lagerhausloft um und wird vielmehr zu einem unsichtbaren Phantom, einer Hülle seiner selbst, den das Aufspüren des zweiten, verschwundenen Täters am Leben erhält. Und umso näher er seinem Ziel kommt, desto schwieriger wird das Verhältnis des Zuschauers zu seinem Helden.

Obwohl Raghu offensichtlich um den Tod seiner Familie trauert, macht sich doch immer mehr der perfide Racheplan bemerkbar, der sich jetzt entspinnt. Und unsere Sympathie zieht sich immer weiter von ihm zurück. Etwa wie er die Frauen bedrängt in diesem Film, immer kurz vor der Gewaltausübung, mal geplant mal ungeplant, und wie er dann tatsächlich die Geliebte Liaks dazu bringt, ihre Dienste als Prostituierte einzufordern. Oder wie er später manipulativ die Frau des zweiten Verbrechers dazu missbraucht, um seine Ziele zu erreichen, obwohl auch diese nur als Kollateralschaden enden und überhaupt nichts für die Ereignisse kann (wobei es ihre Liebe für einen Verbrecher ihm leicht(er) macht, sie zu benutzen). Das zeugt von einer grenzenlosen Unerbittlichkeit, die an Wahnsinn grenzt. Seine Taten später dann natürlich sowieso. Selbiges gilt auch für sein Benehmen gegenüber der Sozialarbeiterin Sobha, die sich für eine Begnadigung des nun mittlerweile seit 15 Jahren einsitzenden Liak einsetzt. Außerdem: Ragha hat Sex nach dem Tod seiner geliebten Ehefrau - nicht gerade das, was man von einem makellosen Bollywood-Helden erwartet, umso mehr von einem Menschen aus Fleisch und Blut. Wie er das dann allerdings macht, ist weniger schön.

Varun Dhawan macht seine Sache übrigens sehr gut. Ein noch recht junger Komödienschauspieler in einer solchen Rolle ist natürlich erst einmal eine Überraschung. Aber wie gut er das macht, zeigt schon der Vergleich zweier gegensätzlicher Szenen: einmal das spontan-begeisterte Aufspringen und Jubilieren im Café in dem Moment, als ihm seine Freundin erzählt, sie sei schwanger. Und dann im Gegensatz dazu die Sterbeszene am Krankenbett, bei der man mitansehen kann, wie in diesem Moment in ihm alles zerbricht. Das ist schon sehr gut gespielt. Der eigentliche (heimliche) Star des Films ist aber der Kleinkriminelle Liak, Nawazuddin Siddiqui. Eigentlich darf man ihn als Regisseur oder Produzent gar nicht mehr in einem Film besetzen. Mit seinem Können und seiner Ausstrahlung, den vielen kleinen Details, die er immer wieder einstreut, erreicht er eine fulminante Präsenz auf der Leinwand und seine Figuren eine Glaubwürdigkeit, dass man nur noch in Verehrung niederknien kann. Und das alles ganz ohne Aufzutrumpfen, sehr reduziert, und eben mit geringem Spiel extrem auf den Punkt gebracht. Das tut BADLAPUR gut, zwei starke Persönlichkeiten in gegenseitigem Wechselspiel, die sich am Ende an die Gurgel wollen. Der Film funktioniert auch als Psychothriller, oder vielleicht auch als Neo-Noir. Eine femme fatale gibt es jedenfalls. Und kurz könnte man tatsächlich daran glauben, dass sich Raghu an sie verliert. Wer die eine oder andere suspension of disbelief dann doch nicht mitmacht, mag etwas zu mäkeln haben. Mir hat der Film ziemlich gut gefallen und auch mit seiner recht kurzen Laufzeit von gut zwei Stunden wäre er ein optimaler Einstieg für Leute, die der dunkleren Seite Bollywoods eine Chance geben wollen.

Michael Schleeh

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Montag, 19. Oktober 2015

Subramaniapuram (M. Sasikumar, Indien 2008)


 "It's power and reputation, that's what matters to us!"

SUBRAMANIAPURAM ist ein schmutziger, unebener, kleiner Debüt-Film tamilischer Provenienz, der sich durch körnige Bilder, Wackelkamera und dann später auch durch viel Radau auszeichnet. Irgendwo in den wenigen englischsprachigen Texten zum Film im Netz habe ich gelesen, Regisseur Sasikumar habe bei Ameer Sultan (PARUTHIVEERAN) gelernt und der Realismus, der hier abgebildet wird, erinnert tatsächlich bisweilen sehr an diesen Einfluss. Der Film soll (neben anderen, zum Beispiel den Filmen von Bala) einer der maßgeblichen und wegweisenden Filme zur Erneuerung des tamilischen Kinos darstellen, einer Wende, die dem romantisierenden Eskapismus des tamilischen Kommerzkinos eine Absage erteilt und die dunklen und brutalen Aspekte der gegenwärtigen Gesellschaft beleuchtet. Und auch ein im Westen bekannter Regisseur wie Anurag Kashyap erklärt, wie groß der Einfluss dieser "Neuen Tamilischen Welle" (aka. New Tamil Wave) auf ihn gewesen ist, als er sich an seinen hochgelobten GANGS OF WASSEYPUR machte.

Im Zentrum steht wieder einmal eine Bande arbeitsloser Halbstarker, einer von ihnen ist Azhagar (Regisseur M. Sasikumar höchstselbst), ein anderer Paraman (Jai, der die eigentliche Hauptrolle spielt) - der hat sich in ein Mädchen verkuckt. Wenn er sie anlächelt, lächelt sie zurück. Das geht so eine Stunde lang, viel mehr passiert erstmal nicht in diesem Film außer einem lauten und blumenreichen Tempelfest mit geil viel Tamtam. Ein paar Raufereien des "Lumpenproletariats", es gibt etwas Konkurrenz zwischen den Familien-Clans, und wenn sie wieder mal im Kittchen gelandet sind, dann ist ein Rechtsanwalt zur Stelle, der seine Kontakte spielen lässt. Nach etwa gut einer Stunde, der Hälfte des Spielzeit also, zieht der Film dann endlich plottechnisch etwas an, als eben jener Anwalt ein politisches Amt nicht zugesprochen bekommt, das er sich eigentlich erhofft hatte. Da schickt er dann die Jungs los den Rivalen zu erledigen, denn schließlich stünden sie ja in seiner Schuld.

Der Film is hauptsächlich in langen Flashbacks erzählt und spielt in den 1980er Jahren. Was man vor allem an den Klamotten und den Haaren sieht. Ich habe auch gelesen: an der Bartmode, aber da kenne ich mich nicht aus. Beeindruckend ist sie aber auf jeden Fall. Jedenfalls: Nach dem Mord stellen sich die Täter der Polizei, Azhagar und Paraman. Und dennoch hält das schöne Mädchen zu ihm, verteidigt ihn vor einer Freundin. Etwas, das ich schon an PARUTHIVEERAN recht merkwürdig fand - diese unbedingte Hingabe an den einen Mann, auch wenn er ein Schläger, und nun sogar ein Mörder ist. Wohlgemerkt: sie sind nicht verheiratet oder sind sich auch nicht versprochen, sie haben bisher kaum miteinander geredet (was in Ameer Sultans Film glaubhafter ist, da sie dort Kindheitsfreunde sind und sie außerdem meint, in seiner Schuld zu stehen). Warum also sollte diese Frau etwas für diesen Typen empfinden und sich nicht nach und nach abgestoßen fühlen? Auch die Familie des Mädchens kann dieser Verbindung, als der Vater davon Wind bekommt, natürlich überhaupt nicht zustimmen. Erneut also wieder ein geradezu klassischer Liebeskonflikt ohne Ausweg, allerdings auf einer ins Unheil sich deutlich abwärts neigenden Spirale.

Die letzte halbe Stunde ist dann ein Welle der Gewalt, in der dunklen Nacht oder am gleißenden Tag. Schutz wird kaum gesucht, oder eine Verheimlichung der Taten, allenfalls das Messer im Ärmel versteckt. Aber dann wird einfach zugestochen, mitten auf der Straße, oder in schwärzester Nacht, ganz gleich alles. Es ist eine atemlose Rücksichtslosigkeit auch gegen sich selbst. Rache folgt auf Mord folgt auf Rache der Rache. Kommt noch Geld ins Spiel, gelten nicht einmal mehr diese archaischen Regeln. Es ist letztendlich eine Geschichte des Betrugs. Am Ende also, da fängt sich der Film, wird konsistenter, linearer, glaubhaft- und rauschhafter. Die Verfolgungen durch sie Gassen von Subramaniapuram, einem Distrikt der Stadt Madurai in Tamil Nadu, sind beeindruckend. Da holt der Film das auf, was er vorher durch seine Langsamkeit und  seine Orientierungslosigkeit in der ersten Hälfte verplempert und verloren hat. Ob sich das jeder bis zum Ende anschaut, weiß ich nicht. Wenn man dranbleibt, ist man aber schlussendlich versöhnt (auch wenn es dieser Film auf eine Versöhnung, und sei es nur mit dem Zuschauer, wohl überhaupt nicht anlegt). Und auch dieser Film bestätigt meinen Eindruck: das tamilische Kino der Neuen Welle ist zwar nicht unbedingt ein sauber geschliffener und funkelnder Edelstein, aber dafür eine ungestüme, energiegeladene räudige Bestie, die einen von hinten anfällt und dann todsicher an die Kehle geht.

Michael Schleeh

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Freitag, 16. Oktober 2015

~ Japans Oscar - Beitrag 100 Yen Love / Hyaku yen no koi - Masaharu Take & Sakura Ando - der PODCAST ~

Max von Kinochiwa.de hat mich eingeladen, mit ihm über Masaharu Takes Film 100 YEN LOVE zu plaudern - was ich sehr gerne gemacht habe. Zum Film schreibt Max: "Die 32-jährige Ichiko tut nichts, ausser essend und rauchend vor dem Fernseher zu sitzen. Als eines Tages das Fass im elterlichen Heim überläuft, heuert sie bei einem 100-Yen-Store an und beginnt endlich ein selbständiges Leben. Lange dauert es nicht und ein boxender Stammkunde verdreht ihr den Kopf. Fortan ist ihr Leben von emotionalen Rückschlägen geprägt, bis erneut das Fass überläuft und Ichiko den Entschluss fasst, selber zu boxen. Japans momentan angesagteste Filmschauspielerin Sakura Ando vollzieht in Japans Oscar-Beitrag 2015 eine beeindruckende Wandlung, die bei uns gesessen hat." Viel Spaß damit!




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Donnerstag, 8. Oktober 2015

Skin Trade (Ekachai Uekrongtham, USA 2014)


Hier treffen zwei große Helden des Actionkinos aufeinander: Tony Jaa und Dolph Lundgren. Und genauso verführerisch wie sich das anhört, sieht es auch aus: ein südostasiatischer Kampfsportfilm im Gewand eines US-Crimethrillers im DTV-Format. Der jüngst durch SONS OF ANARCHY reanimierte Ron Perlman darf erneut den Bandenchef mimen, der als serbischer Menschenhändler Dragovic einen dicken Reibach macht mit der Verschiffung blutjunger Thailänderinnen, die fortan ihr Dasein als Prostituierte in einem weltweiten Bordellnetz fristen müssen. Die vom Balkan seien besonders schlimm, heißt es da einmal rassistisch im Film, die würden sich an gar nichts halten, schon gar nicht an Regeln oder sowas wie eine Ganovenehre. Nix Verhaltenskodex und Bushido, Knete zählt. Jedenfalls, nach einem Einsatz gerät Polizist Nick Cassidy (Dolph Lundgren) vor die Panzerfaust des sich rächenden Syndikats und sein ganzes Haus fliegt in die Luft - mitsamt Frau und Kind. Da sich der Mafiaboss aber nach Thailand absetzen kann, folgt ihm Cassidy um Blutrache zu nehmen für den Mord an dem, was ihm besonders lieb war: seiner amerikanischen Familie. In Bangkok gerät er an seinen zukünftigen Partner Tony Vitayakul (Tony Jaa), der sich vor allem durch seinen bedingungslosen Körpereinsatz bei der Verbrecherjagd auszeichnet. Toll, wie es da einmal bei einer Verfolgungsjagd mitten durch einen Markt in Bangkok geht, Lundgren auf dem Motorrad und Jaa ihn auf den Dächern der Wellblechhütten verfolgend.

Das ist zwar nicht oberste Spitzenklasse, aber dafür erfreulich solide inszeniert und mit deutlich mehr Budget gedreht, als man gehofft hätte. Regisseur Uekrongtham kennt man vielleicht von der Arthouse-Delikatesse BEAUTIFUL BOXER, was zunächst verwundert, warum ausgerechnet ein solcher Ästhet einen B-Actionfilm inszenieren sollte, doch schnell wird klar, wie gut er sein Handwerk beherrscht. Das sind alles klare Bilder, sauber inszeniert, mit logischen Anschlüssen und guten Perspektiven, kein Wackelkamera-Gedaddel, das irgendwelche Unfähigkeiten camouflieren soll. Auch die Explosionen sind keine CGI-Monstren, sondern schon beinahe unspektakuläre Feuerbälle, die zum Realismus beitragen, der sich freilich auch in den Kampfsport-Szenen zeigt. Das ist kein überladenes Overdrive-Gebashe, sondern sauber ausgeführte Körperkunst, die mal spektakulärer, mal weniger spektakulär ist. Und wenn es Lundgren ob seines Alters mal schwer fällt, dann sieht man das auch. Sehr sympathisch. Das heißt aber nicht, dass diese Szenen nichts zu bieten haben. Ihre Echtheit hat eine eigene Qualität, die für den Film bürgt, ihm seine Ernsthaftigkeit gibt und ihn nicht unter einem Superlativismus erdrückend zum Spektakelkino macht. SKIN TRADE ist toll auf dem Boden geblieben, und die eine oder andere Sequenz ist dann trotz allem extrem spektakulär, etwa in der Kampfszene zwischen Jaa und Lundgren, in der Jaa einen fatalen Schlag erwartet und sich im letzten Moment aus dem Punch herausdreht, einmal um die eigene Achse an Lundgren vorbeiwirbelt und ihm dann von hinten ins Genick donnert. Bevor er eine Trägerstange als Stufe nutzt um sch in die Luft zu wuchten und im Niedersausen Lundgren mit einem Salto einen doppelten Kick auf den Kopf verpasst. Eine tolle Szene, artistisch, glaubhaft, toll gefilmt, mit zwei kurzen Entschleunigungspassagen. Hart, aber nicht unwirklich brutal.

Ein bisschen erinnert das alles an einen der mittlerweile gut eingeführten Liam Neeson-Revenge-Thriller, ohne ganz in dieser Liga mitspielen zu können. Dafür hapert es dann doch an einigen Stellen zu dolle. Ob das die Acting-skills von Elefantenreiter Tony Jaa sind (obwohl er hier gar nicht so schlecht ist), die etwas sehr schwarz-weißen Charaktere, die etwas zu plakativen Einblicke in die Geschäfte der thailändischen Rotlichtindustrie oder allzu geläufige Mechanismen der Genrefilm-Struktur - der von Lundgren mitproduzierte und gescriptete Film hätte mit einem besseren Drehbuch sicherlich noch mehr aus sich machen können. Auch von einer tödlichen Maschine, die im Sturzflug in die Katastrophe kracht, etwa wie der kompromisslose UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING, ist SKIN TRADE noch ein gutes Stück weit entfernt. Aber die Kritik soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Film sehr ordentlich geworden ist (der zudem mit Michael Jai White einen völlig überzeugenden Meister seines Fachs in einer Nebenrolle zu bieten hat) und man auf einen zweiten Teil ohne schlechten Gewissens hoffen darf. Der Plot gibt das, ohne überstrapaziert zu werden, zweifellos her, und das gesamte Team hat sich bei diesem Film sehr gut geschlagen. Zwinkersmiley. Bitte mehr davon.

Michael Schleeh

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Dienstag, 6. Oktober 2015

100 Yen Love / Hyaku yen no koi (Masaharu Take, Japan 2014)


Eine der schönsten Szenen, ja vielleicht des ganzen Filmjahres für mich, gleich ganz am Anfang des Films: Aus einem Blick ins Licht senkt sich die Kamera nach einem Matchcut herab, aus dem Boxring heraus ins Zimmer von Ichiko (Sakura Ando), wo sie mit ihrem kleinen Cousin ein Computerboxspiel spielt. Sie ein Slacker, schon auf den ersten Blick, verwahrlost mit Anfang Dreißig. Die Kamera hinter den beiden, die auf den Bildscirm starren, und Ichiko, wie sie sich dann den Rückenspeck kratzt. Es juckt. Ichiko wohnt zu Hause, wie ein Parasit frisst sie sich durch und weigert sich, zu arbeiten. Im Bento-Shop der Eltern hilft sie nicht aus. Ihre Schwester aber schon, mit der sie dann aneinander gerät, und wegen der sie schließlich nach einer Rauferei das Haus verlässt. Nun muss sie auf eigenen Beinen stehen, nimmt einen Job im 100 Yen-Laden an, etwa so etwas wie ein 1 € - Shop bei uns, und kann sich gerade so über Wasser halten. Dort lernt sie dann den Banana-Mann kennen, einen nicht mehr ganz jungen Boxer, der in der Nachbarschaft trainiert, und in den sie sich vielleicht etwas verkuckt. Kurze Zeit darauf beginnt sie mit dem Boxtraining. Mit 32 Jahren, wo sie eigentlich schon viel zu alt dafür ist.

Boxdrama, Slice-of-Life, schwarze Komödie. 100 YEN LOVE ist all das, und noch viel mehr. Ein Film, der auch jenseits seiner komödiantischen Aspekte den Finger auf die neuralgischen Punkte seiner Gesellschaft legt, der eine "lost generation" portraitiert, die nach der geplatzten bubble economy nicht mehr auf die Sicherheiten zählen kann, die für die vorherige Generation(en) gegolten hatte. Eine Anstellung in der Firma, lebenslange Versorgung, ein Platz im System. Das alles bricht auseinander, die Jugend jobbt, gerät in prekäre Lebensverhätnisse. Und es scheint ihnen egal, sie wollen da nicht mehr mitmachen. Zurück auf's Land, weg aus der teuren Stadt. So kann man diesen Film wunderbar als Fortsetzung von Nobuhiro Yamashitas TAMAKO IN MORATORIUM lesen, in dem Atsuko Maeda (von AKB 48) zu ihrem Vater aufs Land zurückkehrt, weil sie nach der Uni keine Anstellung findet. Dort macht sie ein bisschen im Sportgeschäft mit, liegt aber vor allem viel rum. Tamako ist Mitte/Ende zwanzig, Ichiko Anfang dreißig. Zeit vergeht, und Karriere wird jedenfalls keine gemacht.

Aber die Komödie hat auch ihre dunklen Momente. Obdachlose kommen genauso vor, wie die Dumpster diver, die nach abgelaufenen Produkten jagen.  Auch sexuelle Gewalt spielt keine kleine Rolle. Bisweilen ist das schier unerträglich, was hier gelitten wird. Kurz darauf wird es aber wieder in der Komödie aufgehoben; allesamt Stolpersteine, die überraschenderweise Ichiko stärker machen, die im Laufe des Films ständig selbstbewußter wird und zielstrebiger dazu. In den Trainingssequenzen wird so aus dem taumelnden Zombie eine Athletin mit ordentlich Punch, die ohne Rücksicht auf sich selbst wie eine Wahnsinnige trainiert. Um bei ihrem ersten - und vielleicht letzten Kampf - gut dazustehen. Ihr Dilemma ist freilich, dass sie schon zu alt ist für richtige Wettkämpfe. Ichiko fängt an, wenn schon alles vorbei ist. Da greifen dann auch die Standards des Genrefilms, nach denen der Boxfilm eigentlich kein Sportfilm, sondern ein Entwicklungsdrama ist. Und Ichiko erlebt dann auch tatsächlich so etwas wie ein verspätetes comig-of-age. Aber ob sie auch mit diesem Typen glücklich wird, der sie schon schnell für eine Tofu-Verkäuferin verlassen hatte (und der dann zurückkehrt), ist mehr als fraglich. Das Wort für "Liebe" im Filmtitel, das "koi" - im Gegensatz zum ernsteren und gebräuchlicheren "ai", signalisiert schon eine Liebe, die fragil und weniger ernst und tiefgehend ist. Eine Liebe, die eben gerade mal einen Euro wert ist, also nicht sehr viel. Den Film grundiert die ganze Zeit ein Hauch von Vergeblichkeit, den er nie verliert - mit einem Ende, das die Figuren in eine ungewisse Zukunft entlässt. Zwar auf dem richtigen Weg, aber wo der wohl hinführen mag, man wüsste es nur allzu gern. Von 100 Yen Love, einem durchweg großartigen Film,  würde ich sehr gerne eine Fortsetzung sehen.

Michael Schleeh

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100 Yen Love ist übrigens der japanische Beitrag im Rennen um den Auslandsoscar 2016!

Sonntag, 4. Oktober 2015

Love Exposure / Ai no mukidashi (Sion Sono, Japan 2008)


"Meine Filme handeln von Sünde, Perversion und Erektion."  Sion Sono 

Auf der Berlinale hatte Sion Sonos Hentai-Familiendrama ordentlich abgeräumt: er war der Gewinner des FIPRESCI-Preises der unabhängigen Jury der Filmkritiker. Vier Stunden lang, bisweilen ziemlich exzessiv, graphisch sehr deutlich. Und in seiner thematischen Ausrichtung mit Fokus auf den von seinem Vater-Priester in die Sünde hinein getriebenen Sohn Yu, der sich einer Gruppe selbsternannter Perverser in Shibuya anschließt, die sich ausschließlich dem Photographieren von Damenhöschen widmen (sog. panchira), auch ziemlich radikal. Kaputte Familienverhältnisse und ein verklemmtes Verhältnis zur eigenen Sexualität machen aus Yu einen "Hentai", der so natürlich überhaupt keine Chance mehr hat, auf normalem Wege ein Mädchen kennenzulernen. Er wartet also auf ein "Wunder", das, groß angekündigt, sich auch in Filmmitte dann ereignet: da begegnet er seiner "Maria", einer späteren Mitschülerin, der er, verkleidet als Sasori (eine klare Anspielung auf die Sasori von und mit Meiko Kaji), bei einem Straßenkampf gegen eine Männerbande verteidigen kann. Allerdings verliebt sich diese in eben jene Sasori - und nicht in Yu. Dumm gelaufen. Obiges Bild zeigt jedoch eine rivalisierende Frauenbande, die plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht, angeführt von der gerissen-diabolischen Sakura Ando (und ihrem Wellensittich, der in ihrem Dekolleté wohnt), die sich als Vorsteherin einer Sekte offenbart, der sog. "Zero Church", die ihren Mitgliedern zwar ewiges Glück verspricht, aber sie dabei um ihre Freiheit und das Ersparte bringt. Yu jedenfalls kämpft um die Liebe seiner Maria, da sie die einzige Frau ist, bei der er einen ordentlichen Ständer bekommen kann.

Sion Sonos Kunst ist es nun nicht zuletzt, dass er aus diesen vielen verschiedenen Erzählsträngen, die alle randvoll sind mit Irrsinn, Trauer, Gewalt, Sexualität, Glaubensquatsch, Opulenz, Manierismen, Pathos und Orientierungslosigkeit einen schlüssigen, stets glaubhaften und nachvollziehbaren Film macht. Einer, der Power hat und unterhält, zu Tränen rührt. Und wem der Film zu lang ist, dem sei gesagt, dass er ursprünglich ganze sechs Stunden hätte gehen sollen, und nur die Macht der Produzenten den Regisseur bändigen konnte. Schade, ein solcher Director's Cut wäre das Sahnehäubchen auf dem Blu-ray Release von Rapid Eye Movies gewesen. Ein Film, der schon ein moderner Klassiker geworden ist und den das British Film Institute (BFI) zu den einflussreichsten Filmen seit 2000 zählt.

Zur Blu-ray Veröffentlichung:

Nach der schon sehr gelungenen 2DVD-VÖ von REM (mit Bonusmaterial und einem Essay von Rüdiger Suchsland), ist nun als Nachklapp der Film in High Definition erschienen. Das Bild schaut teilweise sehr gut aus, ist dann aber auch, vor allem in den Schwarzwerten bei dunklen Szenen, nicht völlig befriedigend - obwohl angeblich von einem neu abgetasteten Master stammend. Da grieselt es doch ordentlich und flimmert in den Details. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das vielleicht auch an der Verwendung verschiedener Kameras liegen könnte - Sion Sono würde ich zutrauen, dass er auch kurz mal eine Szene mit der GoPro schießt, wenn es nicht anders geht. Puristen sollten da nochmal tiefer graben. Ansonsten gibt es auch hier wieder Bonusmaterial im Umfang der Dokumentation und einem neuen Text von Tom Mes im Booklet, einem der Macher der stilprägendsten und jüngst leider eingestellten Web-Zeitschrift zum Japanischen Film, midnight eye. Die Texte sind im Stile humoristischer Zeitungsartikel verfasst ("SÜNDIGE TEENAGER BLOSSGESTELLT! SCHNAPPSCHUSS-SKANDAL WEITET SICH AUS von unserem Reporter Tom Mes"), sind sehr unterhaltsam zu lesen, da schön reißerisch, und spoilern freilich den gesamten Filminhalt. Also Vorsicht, das Booklet lieber erst nach dem Filmgenuß lesen. "Hat die japanische Familie noch eine Zukunft?" wird da an einer Stelle gefragt, nun, am Ende des Films ist man vielleicht dahingehend etwas schlauer. Auch wenn die Protagonisten zu diesem Zeitpunkt schon längst in einer Irrenanstalt gelandet sind.

Michael Schleeh

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