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Freitag, 26. Februar 2016

Berlinale 2016: Wu Tu / My Land (Fan Jian, China 2015)


 In einem Vorort von Peking: auf einem schmalen Streifen Erdboden erwirtschaftet der Gemüsebauer Chen Jun sein Auskommen für sich und seine Familie. Außerdem, sozial veranlagt, betreibt er eine Telefon-Hotline für Wanderarbeiter, die sich mit ihren Sorgen an ihn wenden können. Doch dunkle Wolken brauen sich zusammen: die Gemeinde, auf deren Grund seine Hutong-Hütte steht, hat das Land an Investoren verkauft, die dort nun Wohntürme für Chinas rasant wachsende Mittelschicht bauen wollen. Die umliegenden Anwohner sind bald vertrieben, doch Chen Jun lässt sich nicht klein kriegen. Er wohne dort seit 20 Jahren, das sei nun sein Recht, das lasse er nicht mit sich machen. Fortan lebt er mit seiner Familie - jetzt ohne Wasser, ohne Strom, das wurde alles abgestellt - in einem Nagelhaus am Rande einer Großbaustelle. Und dann kommt auch noch ein zweites Kind - auf das sich alle freuen.

Dieser Film, aus der Sektion Panorama Dokumente, portraitiert mit schrottigsten Kameras und deshalb grobst-pixeligen Bildern den Lebensalltag dieser Familie aus Idealisten und Bürgerrechtlern (auch die Großeltern sind voll auf der Seite der Aktivisten), wie sie, mit großem Respekt vor dem Flecken Land, auf dem sie seit 20 Jahren leben, mit kritischem Blick gegen die scheinbar allmächtigen Kapitalisten vorgehen. Und sich nicht so einfach vertreiben lassen. Auch als die Ablösezahlungen irgendwann in Ordnung gehen, zu Beginn war die Summe lächerlich gering, sind sie nicht bereit, ihre Sachen zu packen. Da ist es schon lange eine Prinzipiensache geworden und man kann ihren aufrichtigen Kampf nur bewundern. Auch wenn man sich für sich selbst schon lange nicht mehr vorstellen kann, wie man es unter solch widrigen Bedingungen aushält. Alleine schon der permanente Baulärm muss schrecklich gewesen sein. 

Der pekinger Regisseur Fan Jian hat mit WU TU bereits seinen fünften Film gedreht. Davor haben es MANUFACTURING ROMANCE (ebenfalls 2015, ein Film über die oft problematischen Verhältnisse von Eheschließungen bei Wanderarbeitern) und DANCING IN THE CITY (2008), ebenfalls ein Film über chinesische Wanderarbeiter, zu breiterer Aufmerksamkeit geschafft, da sie auf größeren Festivals gelaufen sind. WU TU ist ein sehenswerter Film schon allein deshalb, weil er Fremdes nahebringt und soziales Unrecht in Perspektive rückt. Der Ansatz ist rein dokumentarischer Natur, die Erzählung chronologisch, ungeschönt, selektiv, subjektiv. Die andere Seite der kapitalistischen Investoren, die juristisch vermutlich sogar im Recht ist, kommt nicht zu Wort - der Kamera bleibt stets ganz eng bei der Familie von Chen Jun, und stellt so die soziale Menschlichkeit in den Blickpunkt des Films.

Michael Schleeh

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Mittwoch, 24. Februar 2016

Berlinale 2016: Creepy / クリーピー (Kiyoshi Kurosawa, Japan 2016)


 Nachdem sich Kiyoshi Kurosawa in seinem Science-Fiction-Film REAL sehr weit hinausgewagt hatte, kehrt er mit dem - im Nachhinein muss ich sagen: schon im Titel humoristisch anmutenden - Film CREEPY zurück. Ein Thriller, der zunächst ganz im japanischen Alltag angesiedelt ist und mit wohlbekannten Standardsituationen spielt: was geht beim merkwürdigen Nachbarn eigentlich vor, warum sieht man den nie, warum verhält der sich so komisch! Aber da eigentlich alle Nachbarn prinzipiell immer komisch sind, ist das vielleicht gar nicht merkwürdig? Takakura wundert sich, und auch seine Frau Yasuko, die sich alle Mühe gibt, frisch hierhin umgezogen, bei den neuen Nachbarn einen guten Eindruck zu hinterlassen, hat nach wenigen Versuchen Kontakte zu knüpfen, die Schnauze schon voll. Besonders der creepy-ge Nachbar Nishino, dessen Frau stets krank und damit unsichtbar scheint, der auch seinen Beruf nicht preisgeben will, ist gruselig. Als dann einmal plötzlich dessen Tochter Takakura steckt, sie sei gar nicht die Tochter und Nishino ein "fremder Mann", kommen Takakura ernste Zweifel, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht. Der Film macht bald schon eine Schleife Richtung Vergangenheit: Takakura noch als Polizist, der sich immer zu sehr in seine Fälle reinhängt, und dabei rücksichtslos gegen sich selbst ist. Wie es der Zufall will, kommt er mit einem ehemaligen Kollegen in Kontakt, der einen alten Fall aufklären will, in dem eine Familie wie vom Erdboden verschwunden ist und nie wieder auftauchte. Als Takakura in Nachbar Nishinos Vergangenheit herumzuschnüffeln beginnt, erwacht der Gedanke, dass Nishino gar nicht derjenige ist, der er zu sein vorgibt. Vielleicht ist ja gerade er der mysteriöse Unbekannte, der Leichen in Plastiktüten einschweißt und irgendwo in leeren Häusern versteckt?

Was sich hier in der Zusammenfassung wie ein ordentlicher Ritt anhört, wird im Film sauber nach und nach entwickelt. Dieser hat, auch wenn er seine Überzogenheit gerne in Schabernack übersetzt, keine Probleme mit der Glaubwürdigkeit. Vor allem schon deshalb, da er immer mit der Groteske flirtet. Er weiß, er ist ein Genre-Film, der dieses nicht neu erfinden oder gar verkehren wird. CREEPY ist wie ein böser älterer Bruder, der sich immer etwas an die Seite stellt und wissend grinst, weil er schon genau weiß, was hier vor sich geht. Kurosawas Souveränität und Erfahrung zahlen sich dabei offensichtlich aus. Dass dann aus dem atmosphärischen Ermittlungsfilm tatsächlich noch eine rechte Blutschlacht wird, das scheint modernen Gesetzen des Filmemachens geschuldet zu sein. Die Drift ins Uferlose, wie man sie noch aus CURE oder aus KAIRO kennt und lieben gelernt hat, ver-realweltlicht sich in diesem Film zur Groteske, die sich vor allem in der Figur des Nishino manifestiert, der unbekümmert und dreist seinem Gewerke nachgeht. Ich vermute, das könnte einer der Kritikpunkte derjenigen sein, die diesen Film nicht so mochten, wie ich. Gerade dass Kurosawa in CREEPY nicht in das mythopoetische Reich der Schatten abdriftet, gibt dem Film seinen Biss. Sonst würde er nicht funktionieren. Es wäre eine allzu billige Ausflucht vor dem konkreten Horror des Alltags, der über die ganze erste Stunde des Films hin aufgebaut wird - und dessen realweltliche Verankerung durch nachprüfbare Tatsachen beglaubigt werden. Nicht nur die Ermittlungen der Polizisten gehören dazu, sondern auch Takakuras Lehrtätigkeit an der Universität, die den Studenten Grundlagen in das Profiling von Serientätern vermittelt.

Und dass Nishino (herrlich gespielt von Teruyuki Kagawa, aus TOKYO SONATA, RUROUNI KENSHIN und unzähligen japanischen TV-Serien) eben gerade keine typischen Merkmale eines Serienkillers aufweist, macht ihn so gefährlich - weil nicht bestimmbar. Zum Beispiel, auch da leistet sich der Film eine humorvolle Pointe, weil er immer so unfreundlich und grob zu Yasuko ist. Diese beschwert sich bei ihrem Mann, Nishino habe keine Manieren. Takakura meint daraufhin, das sei sogar ganz gut, weil Serienkiller erwiesenermaßen immer ganz besonders freundlich zu ihren Nachbarn wären. Von ihm drohe demnach also keinerlei Gefahr. Wie sehr er sich in Nishino täuscht, der Profiler-Experte, davon zeugt die zweite Hälfte dieses hochspannenden, unterhaltenden und schlicht großartigen Films. Er hätte auf den Wind achten sollen, der plötzlich durch die Bäume und Büsche fährt, als er den Vorgarten von Nishinos Haus betritt. Weniger Mörder fangen und mehr Filme gucken wäre in diesem Fall nützlicher gewesen. Nun denn: Erst THE SEVENTH CODE, dann REAL, und nun CREEPY - damit zementiert Kiyoshi Kurosawa seinen Status und beweist, dass auch sein aktuellstes Werk mit zum Interessantesten gehört, was momentan aus Japan kommt.

Michael Schleeh

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Sonntag, 21. Februar 2016

Berlinale 2016: The Bacchus Lady (E J-yong, Südkorea 2016)


Ob er, der älter Herr, gerne ein Fläschchen Bacchus-Wasser kaufen möchte, fragt die Seniorin Youn So-young – und eigentlich meint sie damit etwas ganz anderes als das taurinhaltige Potenzgetränk: sie arbeitet als Prostituierte in einem Park und kommt auf diese Weise mit potenziellen Freiern in Kontakt, die dort spazieren gehen. Der Ort: Jongno in Seoul, ein historisches Wohn- und Stadtviertel, das sich aber auch durch seine Nightlife-Szene auszeichnet. Was mit Koreas Seniorengeneration passiert, wenn die sozialen Backup-Sicherheitsnetze wegfallen, das zeigt dieser Film schmerzhaft und doch wie nebenbei, ganz souverän auf sehr humoristische Weise. Freilich droht bei dieser ungewissen Zukunft ständig das Abdriften in völlige Altersarmut, da Youn keine Familie mehr hat, die sie unterstützn und auffangen, oder gar einen Lebensabend im Altenheim finanzieren könnte. Sie wohnt in einer kleinen Wohnung in einem Hinterhof, mit einem Transgender-Nachbarn als Vermieter und einem jugendlichen Tagedieb, der sich mit dem Verkauf von sexualisierten Tonpüppchen durchschlägt. Frau Youn hat nun auch noch ein zusätzliches Problem, denn sie hat sich einen Tripper eingefangen, der behandelt werden muss – und kommt durch eine Verkettung unglücklicher Ereignisse zu dem philippinischen Jungen Min-ho, um den sie sich kümmert, solange seine Mutter in Polizeigewahrsam ist.

THE BACCHUS LADY ist kein skandalisierter Film. Oder ein Film über Sex. Auch wenn beides natürlich thematisiert wird, und manchmal auch gar nicht auf besonders angenehme Weise. Aber mit zunehmender Laufzeit wird immer deutlicher, worum es wirklich geht in diesem Film: um Nächstenliebe. Denn die Kunden von Frau Youn sind ausschließlich ältere Herren, die kaum mehr über die Manneskraft verfügen, um sich bei einem Schäferstündchen abzureagieren. Bisweilen nimmt das eher Züge einer Sozialdienstleistung an, als dass man der kalten Nüchternheit von käuflichem Straßensex beiwohnen müsste. Oft langjährige Kunden und Wegbegleiter der Dame, sprechen sie über ihre Sorgen und vertrauen ihr persönliche Probleme an. Ganz markant eine Szene, in der einer der Kunden plötzlich nach einem Schlaganfall im Sterben liegt, und die kaltherzigen Kinder des Opas kaum Zeit für einen Krankenhausbesuch erübrigen wollen. Ganz wie deren Kinder, die hedonistischen Enkel des Kranken. Diese sind emotional völlig abgekoppelt von jedem familiären Gemeinschaftssinn und können beim Abschied, bei dem sie ihren Großvater zum vermutlich letzten Mal lebend sehen werden, kaum das Handy aus der Hand legen. Und als der Vater eine Umarmung befehlen muss, erwidert die Tochter schnippisch, er würde zu sehr stinken. Doch vor der Tür wartet Frau Youn um ihm die letzte Ehre zu erweisen und sich zu verabschieden, verbringt Zeit bei ihm, unterhält sich, wacht in der Nacht, bevor sie ihm dann sogar seinen allerletzten Wunsch erfüllt.

Dass sie dann bei mehreren ihrer Kunden plötzlich Sterbehilfe leisten soll, spricht zwar für das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wird (und die Vereinsamung der Kranken), bringt sie freilich jedoch in eine rechtliche Zwickmühle – ganz abgesehen davon, dass Prostitution in Südkorea sowieso verboten ist, und man ständig auf der Hut sein muss. Frau Youn hat ein großes Herz, und obwohl das natürlich ein mehr oder weniger doofes Klischee ist, die „Prostituierte mit dem großen Herzen“, schafft es der Film, diese Ereignisse völlig glaubhaft zu vermitteln und jede Penetranz, jeden Nerv- und Gähnfaktor gar nicht erst aufkommen zu lassen. Das liegt zum einen an der unaufgeregten Inszenierung, und nicht zuletzt an der wunderbaren Darstellung der Youn So-young von Hauptdarstellerin Youn Yuh-jung, die seit über 40 Jahren im südkoreanischen Filmgeschäft tätig ist und schon Filme mit Kim Ki-young gemacht hat. Jüngere Filme mit ihr, etwa in den Filmen von Hong Sang-soo, sind HAHAHA, IN ANOTHER COUNTRY, HILL OF FREEDOM und zuletzt RIGHT NOW, WRONG THEN. Auch in THE BACCHUS LADY kann sie mit ihrer zurückhaltenden, aber nuancierten Darstellung völlig überzeugen.

Michael Schleeh

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Montag, 15. Februar 2016

Berlinale 2016: Hee (Kaori Momoi, Japan 2016)


 Azusa fühlt sich schuldig am Tod ihrer Eltern, da sie - absichtlich oder nicht, das bleibt unklar - als Kind das Haus in Brand gesteckt hatte. Dem damals sie betreuenden Psychiater Sanada entfuhr, dass sie wohl möglicherweise geisteskrank sei. Mittlerweile als in prekären Lebensverhältnissen in Los Angeles lebende Prostituierte, wird sie eines weiteren Mordes beschuldigt, bei dem ein Feuer eine Rolle spielt. Die Fragen von damals tauchen wieder auf: Ist Azusa vielleicht wirklich psychisch krank, wie der Arzt damals vermutete? Und ist sie diesmal schuldig?

Kaori Momoi, die hier ihren zweiten Film vorlegt und die seit den 70ern in unzähligen großartigen Filmen von Akira Kurosawa, Yoji Yamada oder Shunji Iwai mitspielte, hat auch das Skript zu selbigem geschrieben; Nach einer in Japan berühmten Novelle von Fuminori Nakamura, dessen Roman "The Thief" übrigens gerade als deutsche Übersetzung erschienen ist. Sie selbst spielt auch die Hauptrolle der kranken Azusa: es ist eine performative tour de force, die ständig zwischen Fragilität und Wahnsinn pendelt. Der nächste hysterische Ausbruch lauert stets im Hintergrund. So ist dann auch der Film, strukturell: eine zerrissene Narration, performativ oft wie ein Theaterstück mit langen Monologpassagen, diese in Verbindung mit extremen close-ups, zerrissen, lückenhaft, auch unglaubwürdig, da die Erzählerin keineswegs verlässlich ist. Sie ist auch keine Sympathiefigur, sie distanziert sich von der Gesellschaft, nimmt sich raus. Das Sonnenlicht, durch das sie in Kalifornien spaziert, scheint ihr nicht zuzustehen. Als wäre sie immerzu fremd in einem Bild, das etwas Positives ausdrücken könnte. HEE ist ein Film der montierten Fragmente, und auch für den Zuschauer, der mit den groben Linien des Plots nicht vertraut ist, bedeutet das zunächst einmal ein Zusammenpuzzeln der Informationen, um sich ein runderes Gesamtbild zu erschließen.

Was sich vielleicht spannend anhört, formal gewagt und herausfordernd, ist mit zunehmender Laufzeit leider auch vor allem sehr anstrengend. HEE wirkt insgesamt ungut bemüht und entlässt den Zuschauer mit dem Gefühl eines ausgedachten Films, der etwas darstellen wollte, was er aber nicht aus sich heraus erzählen konnte. Insgesamt unbefriedigend, wenngleich die Konfrontation der eigenen behaglichen Komfortzonenblase freilich eine zu begrüßende Stoßrichtung ist. Etwas, was der Berlinale im Jahr 2016 als Ort des gutmeinenden und politisch korrekten Wohlfühlkinos nun schon häufiger attestiert wurde. HEE kann damit nicht gemeint sein. Und wenigstens in diesem Punkt mag er also durchaus ein herausragender Film des diesjährigen Programms sein.

Michael Schleeh

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Mittwoch, 10. Februar 2016

Junk Food (Masashi Yamamoto, Japan 1997)



Was in Erinnerung bleibt von diesem Film, das ist das wilde, ungestüme Begehren, das alle diese Figuren antreibt. Dabei weiß man oft gar nicht, was sie eigentlich wollen. Vielleicht wissen sie es selbst nicht. Es sind Mittzwanziger oder Mittdreißiger, stark drogenabhängig, gossengeschädigt, gewaltbereit. Sie finden sich in Gangs oder Clubs (diese ganzen Nachtbars, engen Seitenstraßen, Kloszenen!), vögeln so viel es geht und leben ihre hedonistischen Bedürfnisse aus, ohne auf sich selbst oder ihr Gegenüber Rücksicht zu nehemn. Das Gegenüber ist oft dabei auch ein Opfer. Derjenige, der seine Bedürfnisse am rücksichtslosesten auslebt, ein Täter. Schon nach wenigen Minuten fragt man sich, wie es die Figuren des Films schaffen sollen, das hohe Alter der blinden Frau zu erreichen, mit der der Film eröffnet und rahmend schließt. Sie lebt alleine, ist vollkommen blind, und geht jeden Morgen ihrer Routine nach: Raus aus dem Haus, über die Brücke, und im Convenience Store holt sie sich ein Brot. Oder sonst was Schnelles. Junkfood eben.

Dabei ist das Junk des Titels nicht nur das Fast-Food-Essen, sondern genauso auch der Junk, den man sich in die Venen haut, oder raucht, oder schnupft. Es ist das Heroin und Artverwandtes, was die Protagonisten in rauen Mengen konsumieren. Und was man nachts treibt, geht tagsüber niemanden was an. Die Anti-Heldin des zweiten Erzählstrangs - der Film erzählt etwa vier lose miteinander verknüpfte Geschichten - konsumiert alles, was ihr unterkommt. Auf der Arbeit in gehobener Managerposition klappt sie aber bald zusammen, die Wahrnehmungsstörungen setzen sich durch. Auf Entzug lässt sie sich für einen Schuß dann auch durchprügeln (was für eine brutale Szene!), und bedankt sich anschließend rittlings auf dem Gewalttäter.

JUNK FOOD ist ein schöner hässlicher Film, wild, verzerrt, rauh, hektisch. Keine Videoclip-Ästhetik, sondern Handkamera ohne technischen Schabernack. Er spielt fast ausschließlich nachts, wenn die Ratten rauskommen und die Huren die Kundschaft hereinlocken wollen. Schön diese eine Szene, in der die beiden dann, Nutte und Kunde, anschließend Hamburger essen gehen und sie von dem Amerika erzählt, vor dem sie geflohen ist. Die beiden sind sich sympathisch und man hätte gerne gesehen, wie es da weitergeht. Aber bald schon wird diese provisorische Idylle abgelöst von einem verwirrenden Straßenkampf zweier Jugendbanden, die in amerikanischer Ghettomanier mit Baseballschlägern aufeinander losgehen. Frühmorgens erst kommt alles zur Ruhe. Und über der Tokyo Bay geht dann irgendwann die Sonne langsam auf, während im Hafen Containerschiffe vorüberziehen.

Michael Schleeh

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Montag, 8. Februar 2016

Zero Tolerance (Wych Kaosayananda, Thailand 2015)


Die beiden ehemaligen Kumpels Johnny und Peter von der Spezialeinheit (jetzt: turned Cops) sind auf der Suche nach dem Mörder von Johnnys Tochter Angel. Bangkok ist ein Dschungel, es ist heiß, die Frauen sind ziemlich nackt, man bewegt sich zwischen Tempeln auf dem Chao Praya, der Kaosan Road und der Patpong. Dort, wo sich die Damen im Schwarzlicht um die Poledance-Stange winden und die Touristen sich in schmierige Sexabenteuer stürzen. Johnny macht dann ziemlich schnell kurzen Prozess mit dem Geschmeiß und zieht eine Blutspur hinter sich her. Die führt bald zum Drogen- und Frauenhändler Steven (Scott Adkins), der ernsthaft behauptet, sehr in Angel verliebt gewesen zu sein. Johnny glaubt ihm das freilich nicht.

Die Auflösung, die am Ende in einem Flashback nachgereicht wird, ist dann tatsächlich erstaunlich unspektakulär - und auch glaubhaft. Und man fragt sich, warum für diese dummen Leute tatsächlich so viele Menschen sterben mussten. Aber die Vergänglichkeit ist nunmal das große philosophische Thema dieses Film, auf zynische Art freilich, es ist allein das Sterben und der angedeutete Sex, der den Zuschauer bei der Stange hält. Die Deformierung der Körper, der martialische Zweikampf, den man in einem Adkins-Film erwarten würde, bekommt man hier nun aber gerade nicht. Vielmehr ist es ein immer wieder erstaunlich schön gefilmter Großstadtfilm, der sich dummerweise darauf eingelassen hat, ein Actionfilm zu sein. Denn die Action ist ein ziemlich unsägliches Debakel. Die paar wenigen Kämpfe sind sehr unspektakulär inszeniert, amateurhaft geradezu; die Shoot-Outs, etwa in den Rotlichtbars, sind zwar nachvollziehbar, aber ohne Rafinesse, ohne Ideen, ohne das Besondere, das man in einem solchen Film bräuchte, um aus der Masse der B-Movies herauszustechen. Aber weit gefehlt, das bekommt man hier nicht. ZERO TOLERANCE scheint sich selbst innerhalb der eng gesetzten Genre-Grenzen permanent willentlich einzuschränken. Nur Peter (gespielt von Sahajat Boonthanakit (auch im viel besseren SKIN TRADE und in ONLY GOD FORGIVES)), der Bangkok-Cop, kann mit seiner ruhigen und souveränen Art wirklich überzeugen. Allein, der Film fordert die anderen Akteure nun auch nicht gerade über Gebühr, weshalb der Film zumindest auf dieser Ebene recht harmonisch wirkt. Hier wäre mit einem engagierteren und mutigeren Regisseur doch insgesamt viel mehr drin gewesen, hätte man sich nicht so sehr auf die Abbildung von Klischees beschränkt.

ZERO TOLERANCE erscheint diese Woche am 11.02.2016 bei Tiberius Film im Handel - als DVD, Blu-Ray, Blu-Ray 3D und als limitiertes Blu-Ray Steelbook, das grafisch am schönsten ausschaut. Die Ausstattung scheint überall dieselbe zu sein: Film + Trailer, keine Extras. Eine deutsche Synchro liegt in dreifacher Abmischung vor, sowie anscheinend ein englischer Ton (?). Thailändischer O-Ton scheint jedoch nicht vorzuliegen. Untertitel gibt es auf deutsch. Merkwürdigerweise sind einige Passagen des Films nicht synchronisiert worden und sind demnach auf Thai, was das Herz des O-Ton-Liebhabers gleich höher schlagen lässt. Diese Passagen sind alle deutsch untertitelt. Die VÖ ist FSK 16, der Film 86 Minuten lang. Zur Rezension stand  der Film als Streaming zur Verfügung (der Film erscheint auch Digital), die Bildqualität ist ausgezeichnet.

Michael Schleeh

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Mittwoch, 3. Februar 2016

Haider (Vishal Bhardwaj, Indien 2014)


Es sind diese schönen Schneebilder, eigentlich auch sehr stürmisch sind sie, die den Film gegen Ende immer noch entrückter, dunkler und beglückender werden lassen. Das Finale dann auf einem Friedhof zwischen Grabsteinen, beinahe wie in einem Italo-Western: überall liegen die Leichen herum, Blut im Schnee. Deckung hinter den Grabsteinen. Angefangen hatte alles viel früher, als die Sonne noch schien - und bevor sich Haider im Wahnsinn verlor (den er nur vorspielt, vielleicht, die Verzweiflung ist aber echt) um seinen Vater zu rächen. Hier in dieser indischen Shakespeare-Adaption ein Arzt, der dem Rebellenkämpfer einer Separatistengruppe eine lebensnotwendige Operation angedeihen lässt, obwohl er sich selbst und seine Familie damit kompromittiert. Und just an diesem Tag fällt die indische Armee ein, in diesem kleinen Dorf in Kaschmir, um es zu durchforsten. Es ist Mitte der 90er, der Höhepunkt des Kaschmir-Konflikts zwischen Indien und Pakistan, der auf dem Rücken der Zivil-Bevölkerung ausgetragen wird. Haider, der Sohn, Student und Dichter, kehrt nach Hause zurück, da nun auch sein Vater zu den verschwundenen Zivilisten gehört. Seine Mutter hat beim nach Macht strebenden Onkel allzu schnell Unterschlupf gefunden, aber das eigene Haus liegt auch in Trümmern. Haider stolpert durch die Ruine, sinnbildlich durch die Überreste seiner Familie.

Shakespeares's Hamlet wurde von Vishal Barwaj und Basharat Peer, einem Journalisten aus Kaschmir, zu einem zeitgenössisch-historischen crime drama geformt, das seinesgleichen sucht. Es ist schon die dritte Adaption von Bardwaj, nach MAQBOOL (Macbeth) UND OMKARA (Othello). Und es ist ein großartiger Film. Hochspannend, toll gefilmt, großartige Musik und mitreißend gespielt. Dabei ist der sehr zurückhaltend agierende Hamlet, Shahid Kapoor, noch nicht einmal die Trumpfkarte. Viel eher noch seine Mutter Ghazala (Gertrud), gespielt von der sagenhaften Tabu, und der aus dem Gefängnis zurückkehrende Geist seines Vaters, hier als weltliche Person manifest, dabei aber dennoch ein teuflischer Einflüsterer und in einem ausgedehnten Cameo: Irrfan Khan als Roohdaar. Die beiden dominieren jede Szene - wenn das nicht sowieso die Action, die Landschaft, oder die Dialoge bereits tun. HAIDER entwickelt sich dann mit laufender Spielzeit immer mehr zu einem Vewirrspiel um Macht, Schuld und Rache, bei dem zwangsläufig früher oder später einige Figuren auf der Strecke bleiben müssen.

Eindrucksvoll dann auch die berühmte Theater-im-Theater-Szene, in der Haider/Hamlet bei der Hochzeit des Onkels mit der Mutter die Intrige dem Publikum als Theaterszene - hier als Song- und Tanznummer (Bismil) - vorführt. Der Familienkonflikt, das Herzstück des Films, in einen schrägen Song mit ungewöhnlichem Rhythmus verpackt, draußen im Schnee, in einer Ruine, aufgeführt mit einer zweigesichtigen Riesenpuppe. Diese soll das wahre Gesicht der teuflischen Verschwörung veranschaulichen und beschuldigt Claudius/Khurram Meer, den eigenen Bruder beiseite geschafft zu haben. Auf die volle Spielfilmlänge von 2.40 Stunden gesehen hat HAIDER dann doch mit ein paar wenigen Unebenheiten zu kämpfen, worauf die recht frühe Intervals-Pause nach bereits einer Stunde hinweist (allerdings ist hier die Welt ja auch aus den Fugen geraten). Im zweiten Teil dann mehr Dialog- und Musikszenen, mehr Charakterentwicklung. Im ersten wird dankenswerterweise recht viel Zeit auf die Erklärung der politische Lage veranschlagt, mit der vielleicht nicht jeder Zuschauer so vertraut ist. Eine sehr gelungene Adaption, wie ich finde, die mit einem stärkeren Hamlet womöglich ein echtes Meisterwerk geworden wäre. Dennoch ein völlig großartiger Film.

Michael Schleeh

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