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Mittwoch, 30. März 2016

The Bride of Rip Van Winkle (Shunji Iwai, Japan 2016)


 

Nachdem Shunji Iwai für zumindest europäische Kinobegeisterte eine knappe Dekade lang ziemlich von der Bildfläche verschwunden war (was zwar nicht ganz der Wirklichkeit entspricht, aber auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist, wenn man die reine Spielfilm-Produktion betrachtet), erscheinen nun in kurzem Abstand zwei neue Filme des Meisters von ALL ABOUT LILI CHOU-CHOU und LOVE LETTER (hier das Review zu THE CASE OF HANA & ALICE). RIP VAN WINKLE ist hier in Hong Kong gerade regulär mit einem kleinen, limitierten Start angelaufen. Aber dass starkes Interesse besteht, ist überdeutlich: die Vormittagsvorstellung, die ich besuchen konnte, war bis auf fünf Plätze ausverkauft - und der Film läuft schon seit knapp einer Woche mit mindestens zwei Vorstellungen am Tag. So sehr ich mich darüber gefreut habe, so sehr hat mich jedoch der Film wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Denn mit der Euphorie war es spätestens in der zweiten Spielfilmhälfte vorbei.

Die junge Nanami (Haru Kuroki) schlägt sich als Teilzeit-Lehrerin durch und ist ein von Natur aus ziemlich schüchternes Wesen. Das bereitet einige Probleme, etwa wenn die Schüler ihrer Klasse sich über sie lustig machen, sie nicht wirklich ernst genommen wird. Eines Tags spielen sie ihr einen Streich und legen ein Mikrofon aufs Lehrerpult: Sie solle bitte von nun an das Ding benutzen, man könne sie so schlecht verstehen. Was wohl irgendwie auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist, ganz verschüchtert flüstert sie mehr, als dass sie autoritär ihre Stimme gebrauchen würde. Nach kurzer Unsicherheit greift sie zum Mikrofon und beginnt die Stunde. Die Schüler brechen in schallendes Gelächter aus und verspotten die arme. Das alles hat auch ein folgenschweres Nachspiel, da sie nun erstmal zum Rektor darf und später dann sogar den Job verliert. Sie wäre nicht souverän genug als Lehrerin. Von da an setzt eine geradezu mysteriöse Abwärtsspirale in ihrem Leben ein, da sie nun ohne Anstellung ist. Zugleich allerdings hat sie über eine online-Dating-Webseite einen jungen Mann namens Tetsuya (Gô Jibiki) kennengelernt, der es ihr sehr angetan hat. Und sie ihm. Kurze Zeit später heiraten die beiden, allerdings ohne sich richtig zu kennen. Da Nanami aber ein schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern hat - welche beinahe schon geschieden sind-, und auch sonst mit wenig Standards dienen kann, die die japanische Gesellschaft von ihr verlangt, so wie etwa eine große Verwandtschaft, heuert sie beim windigen Unternehmer Amuro "Familienmitglieder" für die Hochzeit an, die eben diese für einen Tag lang spielen sollen. Nicht unüblich in Japan, wie man lernt. Was sich freilich schleichend etabliert, das ist ein Ebene der Täuschung, der Lüge, des Ungewissen und des Mysteriums im Leben der jungen Frau. Sie hatte natürlich immer aus einer gewissen Not heraus und nach bestem Wissen gehandelt, doch mit wem sie sich eingelassen hat, das kann sie unmöglich wissen. Das betrifft sowohl ihren Mann, als auch den zwielichtigen Unternehmer Amuro, der jede Dienstleistung anbietet (ein typischer "jack-of-all-trades"), die er stemmen kann.

Shunji Iwai zeichnet diesen Amuro als manipulative Karikatur, mit stets neuer Verkleidung, neuen Visitenkarten, mit mysteriöser abgedunkelter Brille, plötzlich wie aus dem Nichts auftauchend, Nanami immer zu etwas drängend, was "gut für sie" sei. Das ist mehrfach an der Grenze zur Übergriffigkeit, und freilich fragt man sich, was er mit ihr wohl anstellen will, wohin er sie lotst. Sie aber kann sich kaum wehren, ist tatsächlich manchmal ein ziemliches Schaf und lässt sich allzu leicht zu Dingen bringen, die gegen ihren Willen sind. Man befürchtet das Schlimmste. Und manchmal lässt einen Iwai dann auch hinter die Fassade dieses Amuro schauen, etwa wenn er sie vor einer vorgetäuschten Vergewaltigung rettet, ein abgekartetes, sehr grausames Spiel, dann steht Amuro als strahlender Retter da, auf den sich die junge Frau  verlassen könne. Und sie wird, tatsächlich immer stärker von ihm abhängig. So zerstört er alle verlässlichen Pfeiler ihres bürgerlichen Lebens: ihre Ehe, ihren Beruf, ihre Bleibe. Bis er sie schließlich dort hat, wo er sie haben möchte: in einem riesigen Anwesen an den Grenzen der Stadt - wie in einem Märchen. Mittlerweile hat sie auch eine mysteriöse Frau kennengelernt (die dürre Grazie Cocco, die man etwa aus Tsukamotos KOTOKO kennt), mit der sie sich anfreundet. Dann stellt sich wieder heraus, dass ihr das Anwesen gehört und Nanami deren Angestellte ist.

Man sieht, es geht recht konfus zu in diesem Iwai. Immer noch eine Plotschleife, immer noch eine Manipulation, immer noch eine Unwahrscheinlichkeit mehr. Die Atmosphäre der subtilen Bedrohung, die in der ersten Filmhälfte sauber aufgebaut wird, zerstört sich durch die immer kurioseren Zusammenhänge sukzessive selbst. Der Film wird das Ungetüm eines märchenhaften "anything goes", bei dem man immer weniger gewillt ist, mitzugehen. Das Anhäufen gerät so zum Überhäufen, und die eigentlich schlanke Plotlinie des Anfangs wird durch den Erfindungsreichtum des Drehbuchs erstickt. Man gewinnt den Eindruck, dass in diesem Film viele Filme stecken. Dass hier jemand zu lange an einem Drehbuch gesessen und dabei das Gefühl für die richtigen Proportionen verloren hat (Iwai selbst). Es hat sich in mir verstärkt dann ein immer größer werdendes Gefühl des Unmuts geregt, das mir den Film beinahe verleidet hätte. Bevor er dann ganz am Ende mit einer absurden Szene endet - die allerdings auch deutlich macht, wie sehr die Anti-Heldin die Übersicht über ihr eigenes Leben verloren hat. Ganz so, scheint mir, wie der Regisseur die Übersicht über seinen eigenen Film.

Michael Schleeh

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P.S.: Gesehen habe ich die zweistündige Fassung. Es gibt außerdem noch einen (um eine Stunde längeren) dreistündigen Director's Cut.

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Dienstag, 29. März 2016

HKIFF 2016: Too Young To Die! (Kankuro Kudô, Japan 2016)


Gemessen am geradezu frenetischen Applaus ist Kankuro Kudos neuester Film wie der eines Megastars aufgenommen worden. Was nicht nur daran lag, dass sich ganz offensichtlich viele Japaner im Auditorium befunden haben, sondern auch daran, dass der Regisseur und bekannte Drehbuchschreiber persönlich anwesend war. Eine erste Schockwelle der Begeisterung lief durch den Saal, als er kurz vor Filmbeginn seine Nase kurz durch den Vorhang streckte. Und auch später beim Q&A stellte sich heraus, dass er ein äußerst sympathischer und humorvoller junger Mann zu sein scheint. Und obwohl ich schon seit längerem mit dieser Art Filmkunst aus Japan, die man vielleicht mit dem Schlagwort "nippon madness" beschreiben könnte, nicht mehr allzuviel anzufangen weiß, muss ich gestehen, dass mich dieser völlig weirde Film von der ersten Sekunde an mitgerissen hat. Er ist unfassbar dynamisch, voller Energie, rotzfrech, ohne Hemmungen und trotzdem geschmackvoll, und, ja: total romantisch. Kein Wunder hat das Publikum um mich herum geradezu mehrfach völlig die Fassung verloren.

Bei einem Schulausflug gerät ein Bus ausser Kontrolle und stürzt einen Abhang hinab. Alle Insassen scheinen tragischerweise sofort tot zu sein. Daisuke (Ryunosuke Kamiki aus AS THE GODS WILL und SURVIVE STYLE 5+), der sich gerade in seine Sitznachbarin Hitomi verliebt hat, erwacht kurze Zeit später: aber in der Hölle - zu den verzerrten Riffen der satanistischen Metalband 'Jigoku-zu'. Was ist denn hier passiert?, fragt sich Daisuke zurecht. Und was eigentlich alles genau passiert ist, dieser Spur geht dieser zweistündige Spielfilm nach. Es beginnt zum Beispiel schon damit, dass der Held nicht akzeptieren will, tot zu sein. Ausgerechnet jetzt, wo doch endlich die Sache mit Hitomi losging! Aber wo kann sie stecken? Im Himmel, auf der Erde? Wo soll er nur anfangen zu suchen - und lassen ihn die Dämonen überhaupt ziehen? Wie kommt er hier nur "lebend" wieder raus?

TOO YOUNG TO DIE! ist zu großen Teilen im Studio entstanden. Man wähnt sich in Nobuo Nakagawas Megaklassiker JIGOKU, wie hier in den Requisiten herumgemeuchelt und durch diese hindurch gestrauchelt wird, im Blutteich gebadet, daneben jemand mit einer Säge mittig zerteilt wird. Und wie die höllische Metalband plötzlich auf einer Bühne stehend einen Metalsong hinschmettert! Das ist alles recht kreativ, ein wenig zusammengeklaut, und ja: ziemlich unterhaltsam. Aber immer wieder geht der Film dann auch zurück in den Bus, was dort in den letzten Sekunden passiert ist, sogar in den allerletzten des Fluges, bzw. Absturzes noch. Nur soviel: Es ist überraschend! Und der Gag des Films besteht dann auch darin, dass Daisuke eine Möglichkeit geboten wird, in sechs verschiedenen Reinkarnationen auf die Erde zurück zu kehren, und am Rädchen des Schicksals zu drehen. Man kann sich denken, dass nun allerhand Unfug auf die Leinwand findet. Ob als Seelöwe, Krebs, Spermie, Wellensittich oder vieles mehr versucht er, die Ereignisse für sich zu beeinflussen. Denn eines stellt sich schon recht schnell heraus: Hitomi hat überlebt! Wer wollte da nicht alles dran setzen, um auf die Erde zurückzukehren! Und recht eigentlich ist dieser großartige und völlig durchgeknallte Film im Kern: eine Romanze.

Michael Schleeh

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Montag, 28. März 2016

HKIFF 2016: What A Wonderful Family! (Yoji Yamada, Japan 2016)



Ironischer könnte man es nicht meinen mit einem solchen Filmtitel, wie der japanische Regieveteran Yoji Yamada. In Japan kennt wirklich jeder seine Filme, schon allein wegen der mehr als 50 Filme umfassenden Reihe über den glücklosen Helden Tora-san, die zu den erfolgreichsten Kinogeschichten des Landes zählt. Mit einem Augenzwinkern flicht er Torajiro auch immer wieder in diesen Film ein, mal in der Form von DVDs, die irgendwo im Zimmer herumliegen, oder als Filmplakat in einem Schaukasten, das beim Vorbeigehen auf der Straße unterwegs zum Trinken entdeckt wird. Der Saké ist eine Verbindungsspur, und so wird auch Yasujiro Ozu viel zitiert, sei es mittels Filmausschnitten über die Vergeblichkeit eines Wunsches zum glücklichen Älterwerden - genauer: ein sinnierender Chishu Ryu in TOKYO STORY, den Yamada vor zwei Jahren mit seinem Film TOKYO FAMILY ge-remaked hat -, den sich der Großvater im Fernsehen ansieht; als mündliches Zitat, etwa wenn gesagt wird, dass diejenige, die am wenigsten zur Familie gehört, sich am meisten für sie eingesetzt habe (Yu Aoi entspricht somit Setsuko Hara), oder etwas subtiler, wenn der Großvater in seiner Lieblingskneipe mit der Besitzerin schäkert und sich mit Saké betrinkt: dann wähnt man sich in einen der letzten Filme Ozus versetzt, etwa in AUTUMN AFTERNOON. Aber auch alberner Yamada ist hier drin, und auch Slapstick, sogar. Einmal wird eine Banane gegessen, die Schale aber ordnungsgemäß in den Mülleimer entsorgt. Denkste.

Zum Geburtstag seiner Frau Tomiko fragt Rentner Shuzo diese, was sie sich denn von ihm Besonderes wünsche. Es dürfe nur nicht zu teuer sein. Sie antwortet: "Eine Scheidung!" Aber nicht nur Shuzo ist geschockt, sondern die gesamte Familie, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Während der familiäre Tumult immer größere Züge annimmt, treten bei allen Familienmitgliedern zunehmend die ehelichen Probleme deutlicher zu Tage. Und plötzlich wird allen bewusst, wie fragil das Lebensmodell "Familie" ist. Freilich ist KAZUKO WA TSURAIYO (so der Originaltitel) kein grüblerischer Arthouse-Film, sondern eine schnelle Komödie mit einer Familie mit dem Düsenantrieb, die auch immer wieder gekonnt mit den Klischees des Genres spielt. Aber darum geht es nur nebenbei. Vielmehr schaut der Film ziemlich genau hin auf die Befindlichkeiten der einzelnen Familienmitglieder, da sich hier ganze drei Generationen unter einem Dach tummeln. Und das Problem des einen, Dominoeffekt, ist bald das Problem des anderen. Etwa wenn ein Eheproblem bei den Großeltern thematisiert wird, das urplötzlich beim Schwager ebenfalls virulent ist. Nur, bisher hatte man eben still gehalten, es ertragen. Einmal ausgesprochen, fühlt sich der oder die darunter Leidende nicht mehr alleine damit, kann auch aus den bedrückenden Zwängen des patriarchalischen Systems ausbrechen und die Unzufriedenheit äußern. Daraus folgen irre lustige Kettenreaktionen, die bald das gesamte Familiensystem erodieren.

Und eigentlich geht es in diesem Film genau darum: um die Aushebelung des japanischen Patriarchen, der seine im Saké-Suff auf links gestülpten Socken auf dem Boden liegen und seine Gattin die Sauerei wegmachen lässt. Ohne sich jemals dafür zu bedanken, für ihre Selbstaufopferungen der letzten Jahre, ohne sich einmal emotional geöffnet zu haben. Es wird alles als selbstverständlich genommen. Bedürfnisse der Frau werden nicht berücksichtigt, allenfalls belächelt. So etwa deren schriftstellerischen Ambitionen, denen sie bei einem Kurs, einem literarischen Zirkel, nachgeht. Dort werden ungelebte Träume thematisiert und, man erwartet es schon, wird über einer großen Abrechnung gebrütet. Nur mit einiger Arroganz kann der Patriarch darüber lächeln, gleichwohl dämmert ihm, das seine Hochphase nun vorbei sein könnte. Ein Umschwung kommt dann, wie so oft, von außen. Es ist eben jene Rolle der Yu Aoi, die sich in den noch unverheirateten Sohn verkuckt hat - und ihre Außenperspektive und einsichtigen Worte bringen das zum Kentern verurteilte Schiff wieder etwas auf Kurs. Es ist also nicht immer das Alter, das zur Weisheit strebt.

Michael Schleeh

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Sonntag, 27. März 2016

HKIFF 2016: The Murder Case of Hana and Alice (Shunji Iwai, Japan 2015)



My first film at this year's Film Festival in Hong Kong was very enjoyable. Although the rotoscoped animation style is realized in a watercoloured way focusing on simplicity, there is an enthralling beauty to that world with an astounding range of details when it comes to diverse facial expressions of the characters, for example. So, reduction is the first word that pops to mind seeing THE MURDER CASE OF HANA & ALICE. And it's a very simple story as well. Though I read somewhere that the film was boring plotwise, I cannot agree to that. It's very focused with a straight narrative. Not one of those films that mix together every genre just to please any kind of audience anywhere in the world. So, it's a playful prequel, sometimes almost otherworldly, to Iwai's own HANA & ALICE film from 2004, 11 years ago: now the original stars playing their own roles as younger versions of themelves.

Basically, 14-year-old Tetsuko "Alice" Arisugawa (Yu Aoi) is a transfer student moving to the town of Fujiko with her recently divorced mother, who discovers a bizarre murder mystery at school involving a missing schoolboy called Judas and the four girlfriends he simultaneously married. And a reclusive neighbour, who spys on her, might be the key to the investigation of the missing person. Or is it the charming boy at school, interestingly named "Yuda" that's got something to do with it? She finally meets the eccentric Hana (Anne Suzuki), almost a hikikomori, who starts helping with the investigation. Yu Aoi is the killer here, again, after I had seen her in PATISSERIE COIN DE RUE (Review) two weeks ago, and here she does it again: barking very rude at people, doing weird stuff, behaving awkwardly. Executing funny movements, as if her body didn't belong to her. One of the best scenes involve the investigation of an old, retired man, obviously a mixing up of two different people, which leads her on a pursuit that has quite some interesting turn of events, but finally leads nowhere. But there is some stuff to be learned, on the way, and how she copes with things is what it's all about. The two characters act very well together and it's very touching that there seems to be the prospect of a deep friendship of two outsiders that just got to know each other.

Another thing I really enjoy experiencing here in HK again, is the audience. The people express their feelings so openly, they laugh out loud, hysterically almost; they applaude and completely seem to open up to what they're watching. This made me enjoy this film even more - even though I had been very tired coming off the airplane without almost hardly any sleep at all during the nightflight. To sum it up, THE MURDER CASE OF HANA & ALICE is an odd story of a blossoming friendship, quite weird sometimes (yes, even some ghosts do appear!), but beautifully done, incredibly touching and therefore strongly recommended.

Michael Schleeh

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Mittwoch, 23. März 2016

The 40th Hong Kong International Film Festival 2016


Zum 40. Mal jährt sich nun schon das Hong Kong International Film Festival (kurz: HKIFF) in diesem Jahr, und das Programm sieht, nach erstem Stöbern, wieder ausgezeichnet aus. Einige Filme sind, wie immer schon, von der Berlinale her bekannt (etwa die Retrospektive MACHIMIRI MADNESS mit japanischen Independent-Filmen der 80er Jahre, Lav Diaz' Wettbewerbsfilm HELE, Denis Côtés BORIS WITHOUT BEATRICE, Midi Zs CITY OF JADE, TA'ANG von Wang Bing oder Weinreb & Kazdas I, OLGA HEPNAROVA), eine ganze Reihe weiterer hochaktueller, vor allem auch asiatischer Titel, sind natürlich ebenso zu finden:  zwei Mal Sion Sono mit THE WHISPERING STAR (kommt bei uns von REM im Verleih) und SHINJUKU SWAN; auch gleich zwei Mal Herman Yau, einmal mit dem Eröffnungsfilm THE MOBFATHERS und mit dem auf Cat III hochgestuften Drama NESSUN DORMA; oder der kontroverse TEN YEARS, ein omnibus-Film, der Hong Kong im Jahr 2015 imaginiert und eine politische Dystopie zeichnet. Dann auch eine Würdigung von Wong Kar-weis Produktionsfirma Jet Tone Films, mit verschiedenen Veranstaltungen und round-table-Gesprächen und Screenings von FALLEN ANGELS bis ASHES OF TIME REDUX. Ebenso ist das Programm voller asiatischer Premieren, was etwas merkwürdig für Europäer wirken kann, da einige Filme bei uns bereits im Kino liefen (DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER, Patricio Guzmans THE PEARL BUTTON). In Asien kennt die aber wohl noch kaum jemand. Außerdem natürlich wieder eine ganze Reihe sehenswerter cineastischer Classics, die zumeist dann nochmal aufgeführt werden, wenn sie frisch restauriert worden sind (Lino Brockas INSIANG, verschiedene Bruce Lees). Das geht ebenfalls über regionale Ländergrenzen hinweg und die Filme laufen auch ganz gerne prominent abends um acht Uhr, auf dem besten Programmplatz im Hong Kong Cultural Center, direkt an der Victoria Bay und dem eigentlichen Zentrum des Festivals.

Die meisten Kinos des Festivals sind über ganz Hong Kong verstreut. Was aber nicht problematisch ist, da auf Kowloon bis auf wenige Ausnahmen wirklich alle mindestens mit der U-Bahn sehr schnell zu erreichen sind - oder aber einfach zu Fuß. Neben einigen Multiplexen in der Nähe der Nathan Road, der großen Verkehrsader mitten durch die Stadt, oder dem Grand Cinema in der riesigen Mall des MTR-Bahnhofs auf Kowloon, bei dem man erstmal um eine Indoor-Eislaufbahn herum muss, gibt es eine Reihe neu hinzu gekommener Kinos: etwa das Cine Moko im Osten von Mong Kok oder die Town Hall in der hübschen und friedlichen Satellitenstadt Sha Tin in den New Territories. Eines meiner liebsten Kinos jedoch ist das im Hong Kong Science Museum, das zentral aber doch etwas abseits in East Tsim Sha Tsui liegt, etwa eine Viertel Stunde weg vom Hafen. Dort laufen meist kleinere Produktionen, die irgendeinen unkommerziellen, leicht arthousigen Ansatz haben. Oder auch kleinere Weltkinoproduktionen, die nach dem Festival meist wieder in der Versenkung verschwinden. Vor zwei Jahren habe ich dort etwa Gu Taos tollen Dokumentarfilm THE LAST MOOSE OF AOLOGUYA gesehen, der das Leben einer chinesischen ethnischen Minderheit zeigt, oder LESSONS IN DISSENT des Briten Matthew Torne, ein Film, der das Anführerteam der Studentenrevolte in HK portraitiert, also die Leute um Joshua Wong. Aus dieser Bewegung ist dann ein Jahr später das mit gelben Schirmen bewaffnete Umbrella Movement entstanden. Gerade hat Joshua Wong übrigens seine eigene Partei gegründet.

Der eigentliche Schauplatz des experimentellen Kinos ist aber auf HK Island zu finden, im Hong Kong Arts Center. Das ist in etwa das, was in Berlin das Kino Arsenal ist, nur etwas kleiner. Dort findet man sich zumeist im Umfeld von bebrillten Kunststudenten wieder und man kann nach dem Screening der Avantgarde-Shorts oder eines Films der Japanischen Neuen Welle entspannt in Filmbüchern des hauseigenen Shops blättern. Steigt man dort in die U-Bahn und fährt ein paar Stationen nach Osten, dann kommt man zum Hong Kong Film Archive ("The Hong Kong Film Archive building is a world-class facility", meint man da auf der hauseigenen Webseite ganz unironisch), das zwar nicht direkt am eigentlichen Festivalgeschehen teilnimmt, was aber für einen Besucher keine Rolle spielt. Dort findet sich immer eine schöne Ausstellung mit Filmplakaten und dergleichen, und den ganzen Tag über finden dort Filmvorführungen legendärer oder kanonischer HK-Klassiker statt. Für kleines Geld. Ein reguläres Ticket kostet lediglich HK$40. Dort läuft ein Bruce Lee neben einer Canton-Oper oder einer Komödie von Michael Hui. Momentan zum Beispiel eine Reihe mit dem Titel "Early Cinematic Treasures Rediscovered" mit Filmen mit so sprechenden Titeln wie FLAMES OF LUST (Mok Hong-si, 1946). Es ist also immer nochmal eine gute Alternative, falls einem das Festival zu langweilig werden sollte, man noch etwas mehr von der Stadt sehen will, oder etwas Filmgeschichte aufarbeiten möchte. Das Publikum scheint allerdings generell etwas älter zu sein: hier geht es vor allem um die vergangene, goldene Hochphase des HK-Kinos. Eine Unmenge an kostenlosen interessanten Broschüren, Foldern und Heftchen versüßen den Besuch.

Wenn auch dort nichts laufen sollte und ein Taifun heranrückt, dann bleibt einem natürlich immer noch das - übrigens überwältigende - reguläre Kinoprogramm in den unzähligen Kinos der Stadt. Diese Stadt ist filmverrückt, und wenn ein großer Blockbuster anläuft, dann beginnt die erste Vorstellung morgens um Viertel nach acht. Anderswo habe ich jedenfalls noch niemals eine gut hundert Meter lange Schlange auf der Straße  vor einem Kino gesehen, kurz nach zehn vom Frühstück kommend. Besonders lohnenswert ist die Broadway Cinemathèque im Kubrick's, ein Arthouse-Kino mit vier Sälen, das von aktuellem japanischem Kino, europäischem Arthouse und kleineren eigenen Festivalreihen alles mögliche zeigt. Ständig sind hier "Portugiesische Filmtage", eine "German Week", eine Retrospektive "Hou Hsiao-hsien" oder ähnliches. Es ist völlig unglaublich. Gerade läuft zum Beispiel der neue Film von Shunji Iwai, A BRIDE FOR RIP VAN WINKLE. Letztes Jahr habe ich dort nochmal Jean-Luc Godards ADIEU AU LANGAGE in 3D sehen können, obwohl der eigentlich schon lange aus den Kinos raus war. Aktuell ist, was interessant ist. Nebenan befindet sich auch ein DVD-Shop mit allem, was das Herz begehrt. Aber auch ein Café gehört zum Kubrick's, wie ein Buchladen, in dem man alles an Film- und Kunstbüchern bekommt, was man immer schonmal haben wollte. Zum Beispiel ein Buch über DURIAN DURIAN von Fruit Chan? Dort bekommt man es.

Im Sommer gibt es noch einen kleineren Ableger des Festivals, das HK Summer Film Festival, und im Herbst das wirklich außerordentlich lohnende HK Asian Film Festival, das, wie der Name schon sagt, sich ausschließlich auf asiatische Produktionen fokussiert. Man kann in HK also das ganze Jahr über erstklassig in Kino gehen, insofern dürfte es auch nicht so schwer sein, seine eigenen Reisepläne nach den filmischen Vorlieben auszurichten. Außerdem hat ein Filmfestival eine weitere tolle Eigenschaft im hektischen Hong Kong: während normalerweise ein Filmfestival eine Zeit der Hektik - und im besten Falle - der Ekstase ist, eine Stadt unter Adrenalin setzen kann, kommt man in Hong Kong eher zur Ruhe. Die Stadt, die einen beim ersten Besuch völlig überfordern kann, macht es einem nicht gerade einfach, entspannt zu bleiben. Der dunkle Kinosaal aber bietet immer Schutz vor dem hektischen Treiben und den Menschenmassen. Und eine Klimaanlage.

Michael Schleeh

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Die auf Schneeland bereits besprochenen Filme, die ich auf der Berlinale gesehen habe und die auch dieses Jahr in Hong Kong laufen:

CREEPY von Kiyoshi Kurosawa (Japan)

WU TU / MY LAND von Fan Jian (China)

HEE von  Kaori Momoi (Japan)

THE BACCHUS LADY von E J-yong (Südkorea)

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Sonntag, 20. März 2016

Adrift in Tokyo (Satoshi Miki, Japan 2007)


Die Filme Satoshi Mikis konnten mich bisher nicht wirklich überzeugen: es sind sanft überdrehte Komödien, die ausser grotesker Ereignisse und schräger Charaktere wenig zu bieten hatten. Weder TURTLES ARE SURPRISINGLY FAST SWIMMERS, noch INSTANT SWAMP, den ich allerdings etwas besser fand, sind in irgendeiner Form herausragend - höchstens insoweit, als dass sie ganz besonders schnell in Vergessenheit geraten. Und gewollt schräge Filme wirken auf mich eben allzu oft ziemlich bemüht. Und wie anstrengend das sein kann, das zeigt sich auch an ADRIFT IN TOKYO - eine weitere skurrile Groteske des Komödienregisseurs, die sich endlos zieht und einfach nie zum Ende kommen will. Weil sie immer noch eine Figur auspackt, die etwas auf den Misthaufen der Erzählung draufpackt. Oder ein Ereignis, das additiv rangepappt wird. Und am Ende bleibt tatsächlich nicht viel mehr übrig, als ein großer Haufen episodischen Dungs. Die Melancholie des Filmplakats löst der Film selbst nie ein. Die Figuren sind allenfalls überrascht, in was sie hineingeraten. Dann kann Joe Odagiri wieder die Augen aufreissen und ein gedehntes "Eeeeh?" oder ein überraschtes Kleinmädchen - "Sugoooi!" von sich geben. Standardreaktionen in Standardsituationen, wie man es aus J-Dramen eben so kennt.

Der Film hat ein erschreckend dünnbrüstiges Erzählgerüst zu bieten: ein studierender Loser (Odagiri als Fumiya) ist in Geldnöten und hat sich bei verschiedenen Kredithaien in die Scheiße geritten. Plötzlich steht ein Geldeintreiber namens Fukuhara in der Tür und fordert nachdrücklich die Zahlung der ausstehenden Summe mit einer überzeugenden Nackenschraube. Jedoch, Fumiya ist nicht gerade der schnellste Problemlöser, und so steht er drei Tage später immer noch mit nichts da. Fukuhara kommt dann mit einem überraschenden Angebot: wenn  ihn Fumiya die nächsten Tage auf seinen Wegen durch Tokyo begleitet (Herumtreiben in Tokyo), dann will er auf die Begleichung der ausstehenden Summe verzichten und ihm das auch noch entlohnen. Gute Perspektiven für Fumiya, eigentlich, aber er befürchtet natürlich, dass die Sache einen Haken hat. Und weil hier alles nicht so richtig plausibel ist (die Gründe für das Begleiten sind zum Beispiel privater Natur und haben mit den Schulden gar nichts zu tun), wird der Film aus der Perspektive von Fumiya erzählt. Mit dessen Stimme als voice over, der die Ereignisse kommentiert. Immer schon eine tendenzielle Schwachstelle, wenn filmisch auf diese Technik zurückgegriffen werden muss (der Film kann es nicht aus sich selbst heraus erzählen), ist es nun leider auch nicht so, dass er einem die Figur des Protagonisten näher bringen würde. Der ist einfach weiterhin ein wenig sympathischer tumber Tor, der nicht weiß, warum und wie die Welt sich dreht.

Wie bemüht der Film dann ist, das sieht man an den einzelnen Ereignissen, die den beiden Anti-Helden zustoßen. Die reihen sich wie an einer Perlenschnur auf und müssen abgehakt werden. Das ist narrativ schon sehr schlicht gehalten  - und wenn man zwischendurch mal aufs Klo muss macht das nichts, das nächste unzusammenhängende Ereignis kommt bestimmt. Erst gegen Ende, wenn sich in Fukuharas Zuhause so etwas wie eine gestörte Ersatzfamilie zu bilden beginnt, ergibt sich so etwas wie eine narrative Entwicklung - und bitte jetzt nichts gegen Erzählkino sagen, das ist sowieso der einzige Aspekt, bei dem der visuell öde Film noch punkten könnte. Und plötzlich entwickelt auch der Struwwelpeter Fumiya so etwas wie Gefühle. Wer hätte das gedacht! Ja, die Frisuren in diesem Film sind ganz besonders lustig, natürlich gerade die der Protagonisten: 80er Jahre-Vokuhila bei Fukuhara und Rockabilly-Tolle bei Fumiya (Odagiri). Ach, wie amüsant. Die immer wieder schönen Bilder des Alltags aus den Vororten von Tokyo, weit weg von der Ginza und dem Getümmel Shibuyas oder Akihabaras, können diesen rundum belanglosen Film dann natürlich auch nicht mehr retten. Enttäuschend.

Michael Schleeh

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Freitag, 18. März 2016

Kimi's Friend aka Your Friends / Kimi no tomodachi (Ryuichi Hiroki, Japan 2008)


Ryuichi Hiroki dreht dieses Alltagsdrama in ganz nüchternen Bildern, wie geradezu absichtlich ohne künstlerischen Anspruch. Da werden keine besonders schönen Darstellungen gesucht, oder gar bedeutungsvolle. Es ist subtiler: etwa wenn sich der Protagonist Nakahara (Seiji Fukushi) zum ersten Mal mit Emi (Anna Ishibashi) unterhält, die draußen vor der Schule die Fußbälle der Kinder einsammelt, dann ist das eine ganz zurückhaltende, tastende Annäherung. Die Kamera ist ein ganzes Stück weit weg, und nähert sich ganz langsam - man bemerkt es erst gar nicht -, den Figuren an. Aber nicht in einer geraden Linie, in direkter Weise auf die Szene zu, sondern seitwärts ausholend, ebenso zurückhaltend und vorsichtig tastend, wie sich die beiden Figuren kennenlernen. Man erkennt die Mienen der Gesichter nicht, man hört nur ihre Stimmen. Spätes Nachmittagslicht, das über den Sportplatz scheint, und im Hintergrund Berge und ein leuchtender Himmel. Aber Emi weiß nicht, was Nakahara von ihr will - und fragt ihn ganz direkt, ob er sie anmachen wolle. Und er antwortet: ja, will er. Er fände sie interessant. Wegen ihres Beines?, fragt sie. Ja, antwortet er darauf. Emi braucht einen Stock zum Gehen, das linke Bein scheint seit einem Unfall steif zu sein.

Warum das so ist, seit ihrer Kindheit, das erzählt der Film dann in Flashbacks. Ihre frühe Schulzeit und ihre Freundschaft zu Yuka (Ayu Kitaura). Da schließen sich zwei Einzelgänger zusammen, da jede auf ihre Weise krank ist oder körperlich eingeschränkt. Sie fallen aus dem Klassenverband heraus und bleiben fortan für sich. Immer wieder springt der Film dann in die Jetztzeit der Erzählung, auf eine Ebene, in der aber nichts Wesentliches geschieht. Es ist der (nicht nostalgische) Blick zurück auf eine Kindheit und Jugend, die so wieder aktuell wird. Wie lange hält eine Freundschaft?, scheint der Film zu fragen. Nur kurze Zeit, oder ein Leben lang? Diesen allgemeinen Fragen geht Ryuichi Hiroki hier im Besonderen nach, und lässt seinen Figuren doch stets eine individuelle Persönlichkeit. Sie sind alles andere als Schablonen oder Platzhalter, weshalb diese Freunde auch nur einen Ausschnitt zeigen, eine Möglichkeit der vielen Optionen. Eine Geschichte, der vielen Geschichten. 

Der Film basiert auf einem Roman von Kiyoshi Shigematsu, und diese anderen Geschichten werden nicht ausgeblendet, aber eben nur angerissen. Sehr schön zum Beispiel auch die um den älteren Schüler Sâto, der sich als Schulhofschläger präsentiert - aber ebenfalls einsam ist und erst nach einer unkontrollierten Auseinandersetzung, bei der er sich wieder einmal als Arsch präsentiert hat, nach einem Gespräch mit Emi zur Vernunft kommt. Im Zentrum aber stehen immer Emi (eigentlich "Megumi") und Yuka. Und freilich nähern sich Nakahara, der angehende Fotojournalist und Emi einander an. Zumindest hoffen wir das, beim Sehen. Irgendwo braucht man hier auch eine kleine Romanze.

Dass der Film dann am Ende auf ein trauriges Finale hinausläuft, das hat man schon recht lange absehen können, wenn man Yukas Krankheitsverlauf aufmerksam verfolgt hat. Schließlich befindet sie sich fast nur noch im Krankenhaus und Emi, die die Aufnahmeprüfung auf die weiterführende Schule in Tokyo zurücklegen muss (der Film spielt in der Provinzstadt Kôfu, unweit von Tokyo und manchmal sieht man den südlich gelegenen Fuji im Hintergrund), hat weniger Zeit, bei ihr zu sein. Umso rührender ist es, wenn sie es doch schafft, bei ihr oder den Eltern vorbei zu kommen. Auch da wird immer wieder das Thema des Photographierens angeschnitten, was sowohl als künstlerischer Ausdruck, als Beglaubigung der Freundschaftsbeziehung, und auch als Erinnerungsspeicher thematisiert wird. Besonders gegen Ende nimmt der Aspekt der Erinnerung einen immer größeren Raum ein, da auch zugleich das Erwachsenwerden - und das Weiterschreiten im Leben - von Emi in den Mittelpunkt des Films rückt. Anna Ishibashi meistert ihre Rolle bravourös, erst etwas harsch als Mädchen, subtil zurückgezogen als Mittelklassenschülerin, später dann als junge Frau mit einem inneren Leuchten, das den ganzen Bildraum ausfüllt. Ein Film, der jede Minute seiner zwei Stunden braucht: wahrhaftig, traurig, wunderschön.

Michael Schleeh

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Sonntag, 13. März 2016

Patisserie Coin de Rue (Yoshihiro Fukagawa, Japan 2011)


Die Japaner mit ihrem Faible für deliziöses Gebäck - ähnlich wie beim Sushi wird hier mit ebensoviel Sorgfalt vorgegangen, um die allerbeste Qualitätsstufe zu erreichen und die optisch erstaunlichsten Kreationen zu erschaffen. Es sind kleine Kunstwerke, die man essen kann, und das lässt man sich dann auch was kosten. Yoshirio Fukagawa erzählt in Patisserie Coin de Rue eigentlich zwei recht ähnliche, parallele Geschichten. Denn beide Hauptfiguren müssen emotionales Gepäck aus der Vergangenheit hinter sich lassen, um für Neues aufgeschlossen zu sein. Bei der jugendlichen Natsume, gespielt mit burschikoser Respektlosigkeit von Yu Aoi, ist es der Freund, den sie eigentlich heiraten wollte - dieser hat sich nach Tokyo abgesetzt. Also reist sie ihm kurzerhand hinterher, verlässt das südliche Kagoshima für die Großstadt. Die Spur führt ins Coin de Rue, wo er allerdings schon nicht mehr arbeitet. Der Leistungsdruck war zuviel für den Träumer - oder vielleicht war auch Mariko Schuld (ganz bezaubernd grantig: Noriko Eguchi), der zweite weibliche Lehrling unter der eigentlichen, auch ziemlich strengen Chefin (Keiko Toda). Natsume will dort etwas lernen und hat keine Ahnung, auf was sie sich einlässt. In ihrer Freizeit macht sie sich auf die Spur des vermissten Geliebten. Die zweite Hauptrolle spielt der verschlossene Restaurant-Kritiker Tomura (Yosuke Eguchi), ehemaliger Chef-Patissier, der ein familiäres Trauma mit sich herumschleppt, das es ihm unmöglich macht, weiterhin "Kuchen zu backen" (wie er es selbst manchmal nennt, voller Verachtung und mit Schuldgefühlen). Beide Personen stehen an einer Wegscheide, und man kann es sich schon denken - gemeinsam schaffen sie es auch vielleicht.

Dafür, dass der Film dann schlecht ausgeht, dafür ist er doch zu sehr ein harmloses J-Drama. Zähne hat dieser Film nicht, von irgendeiner avantgardistischen Formsprache ist hier nichts zu merken. Der Film ist dafür etwas anderes: perfekt inszeniertes Kommerzkino, das enorm kurzweilig ist und trotz seiner beinahen 120 Minuten Spieldauer famos zu unterhalten weiß. Und das nicht, wohlgemerkt, weil es vollgestopft wäre mit Plot. Nein, es gibt viele ruhige Stellen im Film, auch langsame Passagen mit viel Liebe zum Detail. Ganz ähnlich wie sich die Figuren hingebungsvoll um ihre Törtchen kümmern, so präzise und hingebungsvoll wurde aus diesem, eigentlich völlig standardisierten Film, ein fließendes, unterhaltsames und immer wieder liebevoll detailreiches Wohlfühl-Drama gezaubert. Und das ohne Peinlichkeiten, Sentimentalitäten, oder Verniedlichungen. Die standardisierte Formelhaftigkeit, die man kritisieren könnte, bezieht sich allein auf die Struktur des Films, denn innerhalb seines Operationsgefüges ist der Film geradezu großartig gemacht. Ganz gerne werden ja solche Errungenschaften von der Filmkritik klein gemacht (deswegen auch immer die Kritik der arrivierten Medien am Genre-Film, der sich ja auch sehr oft in starren oder erstarrten Strukturen bewegt), da muss ein jeder Film, wenn er schon nicht das Rad neu erfindet, zumindest ein "relevantes Thema" haben. Siehe der Fokus auf Flüchtlingsthematiken auf der diesjährigen Berlinale. Das alles hat der Film nicht. Es geht um Alltagsschicksale, die jeder Zuschauer kennt, oder die in seinem Umfeld schonmal passiert sind. Man ist dicht dran an den Problemen, die hier gezeigt werden. Kein Grund, das abzuwerten. Ein gelungener Film.

Michael Schleeh

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Freitag, 11. März 2016

Nuclear Nation (Atsushi Funahashi, Japan 2012)



Bilder von Booten, die an Land geschwemmt worden sind von der Gewalt des Tsunamis, die gibt es in diesem Dokumentarfilm auch. Und die von den in weiße Schutzanzüge gekleideten Bewohnern der zerstörten Häuser um das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ebenso, die aber nichts mehr vorfinden von ihrem bisherigen Leben - außer zerstörte Überreste, vielleicht das Fundament des ehemaligen Hauses, jetzt kontaminiert. Die Bewohner der kleinen Ortschaft Futaba mussten evakuiert werden, so schnell es geht. Es ist die Ortschaft, die am nächsten zum Kernkraftwerk liegt, in dem die Kernschmelze in allen Reaktoren vonstatten ging. Der Film zeichnet keine minutiöse Entwicklung der Ereignisse, zeigt niemals irgendeine Welle oder eine Explosion. Obwohl hinter den Bäumen die Schlote der Reaktoren in den Himmel ragen. Regisseur Funahashi zeigt fast ausschließlich die Menschen, die nun mit den Nachwirkungen der dreifachen Katastrophe (Erdbeben, Tsunami, Reaktorunfall) vom 11. März 2011 in der Region Tohoku leben müssen. Willkommen in Futaba, so das Schild am Ortseingang. Ja, willkommen.

Sie wurden evakuiert in das Gebäude einer Schule, gut 150 km nach Süden in Richtung Tokyo. Der größte Verlust, neben der Trauer um immer noch vermisste oder gestorbene Familienmitglieder, ist der der Heimat. Diese Menschen leben jetzt zusammengepfercht in Klassenräumen, jeder mit ein paar Quadratmetern Liegefläche, wo gerade so die paar wenigen Sachen Platz haben, die man am allernötigsten braucht. Privatsphäre gibt es keine. Nach japanischer Art gibt es wenig Tränen. Ganz zu Beginn wird das über die Gesangszeile eines Liedes vermittelt: der Japaner zeige seine Gefühle nicht; das Gesicht lächelt - was soll man schon ändern! -, aber im Innern laufen die Tränen. Es ist ein tiefe, persönliche Trauer, derer sich alle bewusst sind, und die man nicht auszusprechen braucht. Doch manchmal äußert sich dann doch die Wut, vor allem auf die Regierung, die zu wenig mache, nicht rechtzeitig aufgeklärt und Maßnahmen ergriffen, sie wissentlich der Gefahr ausgesetzt habe - wie auch auf die TEPCO, die Betreiberfirma des Atomkraftwerks. Dessen gewonnene Energie, ironischerweise, komplett nach Tokyo geleitet wurde.

Futaba war immer ein armes Städtchen, vergessen im Nirgendwo des Nordens. Jobs gab es wenige, viele bauten Reis an oder hielten Rinder. Doch dann kam die Tokyo Electric Power Company und versprach Jobs und Energie, Investitionen. Und die Stadt konnte viel Geld damit machen, dass sie die Kraftwerke bauen ließ. In unmittelbarer Nähe. Und plötzlich ging es allen besser. 40 Jahre lang war alles gut, dann kam die Katastrophe. Jetzt ist alles verloren. Damit können sich viele nur schwer abfinden, verständlicherweise, und insbesondere der Bürgermeister von Futaba macht sich schwere Vorwürfe, nicht weitsichtiger gewesen zu sein. Doch auch er wollte glauben, was allen immer versprochen wurde: mit der Atomenergie kommt der Wohlstand, alles wird gut. Ein anderer Bewohner hat die Namen der Toten derer, die er kannte, auf den Seiten der Zeitung rot angestrichen. Es sind unfassbar viele. Noch einer macht klar, dass das Ausrufen der Evakuierungszone durch die TEPCO aufgrund der Gefahr der hohen Radioaktivität auch gleichzeitig jede Rettungsmaßnahme von Verschütteten unmöglich machte. Er ist überzeugt, dass viele noch gelebt haben müssen.

Der Film greift sich ein paar wenige Personen heraus, aus der gesamten nuklearen Nation, und begleitet sie und ihr Schicksal. Jeder erzählt doch recht freimütig, was ihm oder ihr zugestoßen ist, wie sie mit dem Unglück umzugehen versuchen. Das ist bemerkenswert unsentimental und fast schon nüchtern portraitiert. Manchmal hört man den Regisseur sanft nachhaken, das Gespräch am laufen halten. Die Stille sagt oft mehr als Worte. Besonders bei einem Vater mit Sohn, die ihre Frau, bzw. die Mutter verloren haben. Das Haus ist eine Ruine, von der nur noch das Fundament geblieben ist. Irgendwann dürfen sie für zwei Stunden zurück, in eben jene Schutzanzüge gekleidet. Alles was sie wollen, ist der toten Mutter gedenken, Blumen niederzulegen und zu beten. Doch dort holt sie der Schrecken auf den Boden der Tatsachen: es ist zu furchtbar, sich dort aufzuhalten. Und: es ist dort einfach nichts mehr. Lebensunwirtliches Brachland, radioaktiv verseucht. Jeder Gedanke an Rückkehr wird einem ausgetrieben. Und so wird man vielleicht allenfalls noch wütend, weil einem auch das die Strahlung und der Tsunami genommen hat: man kann nicht einmal mehr um verlorene Familienangehörige trauern. Futaba ist nur noch nukleares Wasteland.

Michael Schleeh

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Hier habe ich eine Liste japanischer Filme zusammengestellt, die sich mit dem Thema Fukushima auseinandersetzen. Ergänzungen sind unbedingt erwünscht. Die Liste wird regelmäßig aktualisiert.

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Mittwoch, 9. März 2016

Sin of a Family / 우리 이웃의 범죄 (Min Byeong-jin, Südkorea 2011)


 Shin Hyun-joon (aus Marrying the Mafia) spielt den erfolglosen Kriminalbeamten Cho Chang-shik, der mit seinen Partnern den Mord an einem kleinen Jungen aufklären will. Bisher hat er noch nichts so richtig hinbekommen in seiner Karriere, da macht er den Fall zu seiner persönlichen Sache. Doch die Ermittlungen gestalten sich schwierig. Bald stellt sich heraus, dass der Junge Autist war, und der Mord schon vor zwei Monaten passiert sein muss. Während er verschiedene Geheimnisse aus dem Familienumfeld des Jungen aufdeckt, stellen sich ihm außerdem persönliche Probleme in den Weg: sein eigener Sohn scheint sich, sehr zum Ärger seines Vaters, ebenfalls zu einem Taugenichts zu entwickeln. Er ist ein wohlbekannter Schläger an seiner Schule und geht keiner Konfrontation aus dem Weg. Detective Cho kämpft also an mehreren Fronten und scheint dabei permanent überfordert zu sein.

Das äußert sich im Film immer wieder durch Strukturbrüche, etwa durch eingeschobene Comedy-Einlagen, die im ansonsten durchaus ernsten und tragischen Geschehen wie Fremdkörper wirken. Sowieso zeichnet sich der Film wiederholt durch Stilbrüche aus, etwa durch eingespielte Musik und Sound-Effekte, die ein Ereignis kommentieren, ganz so, wie man es aus albernen Hong Kong-Filmen oder aus Bollywood kennt - und die dann die Vermutung aufkommen lassen, der Film habe eigentlich gar keinen richtigen Stil. Er mäandert vor sich hin, kann sich nicht entscheiden, was er sein will: Crime-Thriller, Polizeifilm, Familiendrama, oder Komödie. Nun gibt es im koreanischen Kino immer wieder diese Umschwünge nach 2/3 der Spielzeit, in denen eine Komödie in einem bierernsten Blutbad endet. So ist das hier aber nicht: der Film eiert die gesamte Spielzeit von einem Extrem ins andere. Und zwischendurch ist er dann leider auch einfach mal ziemlich öde.

Ebenso unbefriedigend sind die plottechnischen Entwicklungen, die konkrete Ermittlungsarbeit der Beamten. Ständig geschehen irgendwelche Dinge, die unvorhersehbar waren. Da gibt es kaum Kausalitäten, logisch aufeinander folgende Enthüllungen, die nachvollziehbar wären. Ständig hält der Film ein weiteres As im Ärmel bereit, das das ins Stocken geratene Geschehen wieder anschiebt. Denn zum Stillstand kommt es manchmal auch beinahe. Eigentlich haben mir die Szenen in den Kneipen und Restaurants noch am besten gefallen: Szenen also, in denen eigentlich gar nichts passiert. Dort wird getrunken und geschwatzt, Karaoke gesungen und gequarzt, was das Zeug hält. Alltagszenen, die wie glaubhafte Anker in einem Film wirken, der allzu ausgedacht erscheint, der sich mit einem überformulierten Drehbuch mit aller Gewalt vor dem Absaufen über Wasser zu halten versucht. Vom Ende möchte ich gar nicht erst sprechen, da wird es dann bald schon richtig doof überkonstruiert. Sin of a Family kann man leider nicht empfehlen.

Michael Schleeh

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Sonntag, 6. März 2016

River of Murder / 살인의 강 (Kim Dae-hyeon, Südkorea 2010)


Ein Film, der durch die Zeiten springt: am Anfang, Mitte der 80er, da sind die beiden Jungs Seung-ho und Dong-sik noch Schulfreunde, irgendwo in der Provinz Jeollabuk-do, in der Nähe von Jeonju. Sie sind beide in dasselbe Mädchen verknallt, Myeong-hee. Doch eines Nachts geschieht ein Unglück: ein Unbekannter vergewaltigt sie und bringt sie schließlich um. Das alles im hohen Ufergras des Flusses, am River of Murder. Doch der Täter wird nicht gefasst. Fünf Jahre später begegnen sich die beiden wieder in Jeonju, der eine Klassenprimus, der andere Aushilfsskipper auf einem Fischkutter. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Wieder kommt dieses Thema hoch, und keiner weiß, was wirklich passiert ist. Oder will es nicht zugeben. Sie beginnen, sich gegenseitig zu verdächtigen.

River of Murder, von Regie-One-timer Kim Dae-hyeon, ist ein Film, dem künstlerische Raffinesse abgeht. Er ist solide inszeniert, mit einer bildgestalterischen Schlichtheit die zum Fernseh-Film tendiert, dem die epische Größe des Kinofilms fehlt. Hier ist alles etwas zu direkt und offensichtlich. Die Polizisten, die gut spielen, sind etwas zu ruppig und gewaltbereit, die Lehrer ebenso und die Hostessen in der Nachtbar sind etwas zu willfährig zu Diensten, wenn es ins Bett geht. Es fehlen die guten Einstellungen, ungewöhnliche Perspektiven, die Liebe zum Detail. Nicht, dass der Film nicht unterhaltsam wäre, oder bisweilen sogar spannend. Aber es hat alles eine Schlichtheit an sich, die den Film in die Niederungen des Seichten hinabzieht. River of Murder wirkt wie ein Film, der ständig andere zitiert, der sich in seinen Standardszenen auf andere Filme beruft, die wir dann so fressen sollen, weil wir ja wissen, wie es gemeint ist. Es ist aber keine genuin künstlerische Qualität auszumachen, die aus sich selbst heraus kreativ wäre, kein Kreativprozess, der anschaulich würde. Es ist ein Nachmachen von Bekanntem, und deshalb auch irgendwie ganz schön öde.

Als der Film dann im Jahr 1997 angekommen ist, dem 5. Kapitel des Films, verkehren sich die Perspektiven: Protagonist und Tatverdächtiger Seung-ho hat nun doch Jura studiert, um "aus seinem Leben etwas zu machen" - ein Vorwurf, den er sich zehn Jahre zuvor von einem Polizisten gefallen lassen musste. Nun ist er Trainee in der Staatsanwaltschaft und bereits in seinem ersten Fall wird er wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert: zwar geht es nicht um den immer noch ungelösten Fall mit dem Mädchen am River of Murder, doch nun ist die Schwester seines besten Freundes Dong-sik, die oben erwähnte Bar-Hostess von einem (amerikanischen) Freier ermordet worden. Der Film nimmt von da an via Drehbuch erneut an Fahrt auf, da sich auch der Konflikt zwischen den beiden ehemaligen Freunden zuspitzt. Eigentlich wird sogar dieser Erzählfaden immer stärker ausgebaut, diese Freundschaft/Feindschaft zwischen den beiden Männern, die sich am Ende sogar das Leben nehmen wollen. Origineller wird der Film deshalb aber nicht, nur länger. Interessante Bilder, wie etwa der obige Screenshot, bleiben leider Mangelware in diesem Film. Mehr als ein "unbefriedigend" ist für River of Murder letztlich nicht drin.

Michael Schleeh

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