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Samstag, 28. Mai 2016

Nippon Connection 2016: Being Good (Mipo O, Japan 2015)


Die koreanisch-stämmige Japanerin Mipo O verbindet in BEING GOOD drei Erzählfäden zu einem Pastiche des alltäglichen Schreckens: versteckte, häusliche Gewalt gegenüber Kindern ist das Thema des engagierten Films. Dass auch in ihrem aktuellen Film die Sozialkritik im Mittelpunkt steht, konnte man sich schon denken, wenn man an ihren Film THE LIGHT SHINES ONLY THERE zurückdenkt, der nicht nur international erfolgreich war (Filmfestivals, Auslands-Oscar-Beitrag 2014), sondern auch auf Platz 1 des jährlichen Filmrankings der renommierten Filmzeitschrift Kinema Junpo landete. Und so denn auch hier: ein Sozialdrama, das emotional vernichtend sich ins Herz des Zuschauers schleicht, ohne dabei in Kitsch abzurutschen oder sich seine Prämisse allzu deutlich auf die Fahne zu schreiben. Es ist ein Film, der an die Substanz geht.

Dabei beginnt der Film recht drastisch: schon in den ersten Minuten wird ein kleines Mädchen von der kaltherzigen Mutter im Wohnzimmer verdroschen, dass sie blaue Flecken davonträgt. Ohne die Szene grafisch auszuschlachten, bleibt die Kamera dennoch bei den Figuren und zumindest im Raum anwesend und gestattet es dem Zuschauer nicht, aus dem Bildraum zu flüchten. Man ist viel länger dort, als man sein möchte. Bemerkenswert an diesem Einstieg ist außerdem, dass hier direkt mit einem Tabubruch begonnen wird. Denn in der Regel ist in der Gattung Film der Mann der klassische Täter, der die Gewalt gegen Frau und Kind ausübt. Hier ist aber der Vater abwesend, jobbedingt im Ausland, und, ja, tatsächlich: es ist die Mutter, die das Kind schlägt. Und zwar so richtig. Ich kann mich nicht erinnern, das schon einmal in einem Mainstream-Film zuvor derart gesehen zu haben. Später wird sich herausstellen, dass auch die Mutter als Kind körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt war, und nun keine Liebe weitergeben kann. Was den Film zu einer der emotionalsten Szenen führt, zu einer emotional unfassbaren stillen Umarmung, die mehr sagen würde als tausend Worte der Rationalisierung.

Die weiteren beiden Erzählfäden sind aber nicht weniger interessant. Zum einen geht da um einen Jungen mit bipolarer Störung, der als Außenseiter ein einsames Dasein fristet. Einer Großmutter, die ihre Familie beim Feuer in Tokyo verloren hat, bringt er aber große Freude in den Alltag. Und als die Mutter, die sich ständig nur um ihr "schwieriges Kind" kümmern muss, mitbekommt, quasi durch eine Außensicht, dass ihr Sohn zu einem ihr unbekannten Zentrum der Nähe und Liebe werden kann, ist ein anderer großer Moment des Films erreicht. Außerdem: der Schulalltag eines jungen Grundschullehrers, der mit 35 Schulkindern an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit gerät. Fulminant gespielt von Kengo Kora (A STORY OF YONOSUKE, Review), der sich dann, als ob das nicht genug wäre, um einen vernachlässigten Jungen kümmert, dessen plötzliche Abwesenheit schließlich zu einem dramatischen Finale führt. Ein Ende, das interessanterweise offen bleibt - der Film formuliert nicht alles aus, der Zuschauer bleibt sich selbst überlassen, die Geschichte geht weiter im Kopf des Betrachters. Es werden drei Geschichten erzählt aus dem japanischen Alltag, und die Berührungspunkte der Fäden sind hauptsächlich inhaltlicher Natur. Innerhalb des Films sind sie eher assoziativ, oder sie werden auch mal  situativ, etwa auf dem Spielplatz oder im Flur des Schulgebäudes, sowie durch verknüpfendes Lehrerpersonal hergestellt. Obige Umarmung stellt dann auch das positive Zentrum des Filmes dar, denn einen Ausblick bietet BEING GOOD zum Glück ebenso. Der visuell nicht besonders anspruchsvolle Film fokussiert sich in der Hauptsache auf sein inhaltliches Narrativ - und hat im Handumdrehen, wie man das von allen Seiten eigentlich hörte, die Herzen der Festivalbesucher erobert.

Michael Schleeh

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Freitag, 27. Mai 2016

Nippon Connection 2016: Lowlife Love (Eiji Uchida, Japan 2015)

 

Der Independent-Regisseur - das unbekannte Wesen. Von uns Zuschauern hoch verehrt, denn er ist der letzte unbürgerliche Fackelträger der reinen Kunst. So könnte man denken, wenn man naiv an die Sache rangeht. Und Uchida und mit ihm sein großartiger Hauptdarsteller, der ungemein sympathische Kiyohiko Shibukawa, haben nichts besseres zu tun, als uns diese romantische Vorstellung vom wahren Künstler, der an nichts als der radikalen Realisierung seiner Vision interessiert ist, um die Ohren zu schlagen. In Japan wurde der Film hart kritisiert - von innerhalb des Filmbusiness. Ganz einfach deshalb, weil er eine richtige Pestpocke ist, ein Nestbeschmutzer par excellence.

Denn obwohl Indie-Talent Tetsuo vor Jahren mal einen viel diskutierten Film gemacht hat, ist seitdem nichts mehr so richtig zustande gekommen. Oder, um mit der Wahrheit herauszurücken: er ist ein vollkommener Hedonist und Loser, der nur an seinem persönlichen Vorteil interessiert ist. Und dafür ist ihm jede Grenzüberschreitung recht. Er wohnt nur zuhause bei Mutti, leiht sich überall Geld, hält sich mit Porno-Produktionen über Wasser, und beutet seine Schauspieler aus. Seine körperlichen Übergriffe geraten durchaus auch mal in den Bereich der versuchten Vergewaltigung. Er ist dreist, arrogant, ungepflegt. Aber er geht durch den Tag mit einer Chuzpe, die ihm eine Aura der Autorität und Unverwundbarkeit verleiht - welche er freilich gnadenlos ausnutzt. Im Film geht es nun darum, wie er nach dem Casting für sein jüngstes Projekt eine weitere Darstellerin verführen möchte - und diese das nicht zulässt. Und je mehr sie sich verweigert, desto mehr steigert er sich in seine Besitzphantasien hinein. Dafür lässt er sogar die Freundschaft zu seinem "Produzenten" draufgehen, mit dem er die Pornofilme dreht und der in ihn  verliebt ist. Es ist ein heilloses Durcheinander, ein Schlamassel der Eitel- und Abhängigkeiten, in das uns Uchida und sein Produzent Adam Torel von Third Window Films führt. Dieser hatte seine private Schallplattensammlung verkauft, um diese bittere Komödie finanziert zu bekommen. Es ist eine schmutzige Welt von Sex, Ausbeutung und Alkoholexzessen. Es ist die Welt des Independent-Films in Japan.

Oder beinahe. So zumindest die beiden Inszenatoren dieses Films, die beim Q&A auf der Bühne nicht müde werden zu behaupten, dass es solche gnadenlosen Gestalten im Filmbusiness gibt. Wie auch immer, das spielt erstmal für den Film selbst keine Rolle. Dass sich Schauspieler einem Regisseur durchaus mal an den Hals schmeißen, ist wohl bekannt und ausgiebig dokumentiert. Aber dieser nihilistische Blick "hinter die Kulissen" schlachtet schon ein wenig die heilige Kuh dessen, was man immer für hoch und heilig gehalten hatte. Und das ausgesprochen gut gelaunt und kurzweilig. Die Fährnisse dieses "sexbesessenen Kotzbrockens" (Zitat Programmhaft) sind temporeich inszeniert, relativ explizit, körperbetont, und eine wunderbare Gelegenheit, mal durch die schmierigen Seitengassen des ansonsten auf glitzerne Lackfassaden abonnierten Gewerbes nachzugehen. LOWLIFE LOVE ist ein Highlight des Festivals - und wenn dann noch ein Schauspieler wie Denden als abgehalfterter Pinku-Regisseur in einem ausgedehnten Cameo auftritt, dann weiß man, dass man hier nichts falsch machen kann.

Michael Schleeh

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Donnerstag, 26. Mai 2016

Nippon Connection 2016: Gonin Saga (Takashi Ishii, Japan 2016)


Es gibt Kinomomente, die sind so überdeckt von Geraune und unklaren Vorahnungen, dass einen die Ungewissheit, was denn nun zu erwarten sei, fast verrückt machen könnte. Entsprechend ambivalent habe die Vorführung von Takashi Ishiis Yakuza-Klassiker-Fortsetzung GONIN SAGA erwartet. Wird das nun eine langweilige Fortsetzung des heiligen Gangsterfilm-Grals, eine Schändung des eigenen Legendenstatus gar? Oder sollte der Film vielleicht sogar was können? Die Meinungen und die Stimmungslage, die man im Vorfeld aus dem Programm-Macher-Team der Nippon Connection herausdestillieren konnte, war ebenso ambivalent. Und Ishii ist auch kaum zu greifen, ein Regisseur, der schon immer alles gemacht hat: zuletzt etwa wieder Pinku-Erotikfilme mit so vielversprechenden Titeln wie SWEET WHIP (2013) oder NIGHT IN NUDE (2011) - etwas, was so gar nicht ins bierernst genommen werden wollende System des europäischen Filmautorenbegriffs passen will. Und so wurde auch, offen und ehrlich, in der Anmoderation auf die internen Diskrepanzen hingewiesen, die die Programmierung dieses Films ausgelöst hatte. Um es kurz zu machen: Takashi Ishii hat meine Erwartungen nicht nur erfüllt, er hat sie sogar völlig übertroffen.

GONIN SAGA beginnt ganz klassisch nach den Mechanismen des Genres: nach einer kurzen, hektischen, hochgetakteten und episodischen Szenenfrequenz, in der die Vorgeschichte erläutert wird, entfaltet sich nach und nach die nachtdunkle, neonbeleuchtete Großstadt-Geschichte um eine Generation väterloser Yakuza-Kinder, die ebendiese Morde an ihren Eltern nun endlich rächen wollen. Dazu findet sich eine heterogene Gruppe von drei Charakteren zusammen (einer von ihnen ist investigativer Journalist auf der Suche nach einer knalligen Story), die dann noch mit der schönen, mysteriösen Prostituierten Asami gemeinsame Sache machen. Das Ziel: Rache an den Clanbossen, und zugleich: ein Raub von zig Millionen Yen aus den Safes eines kriminellen loan sharks. Um sich danach abzusetzen und den Lebensabend zu versüßen. Bevor natürlich alles, wie es sich für einen Neo-Noir gehört, nach einer spektakulären, finalen Shootout-Szene, in Schutt und Asche versinkt.

Zur Kritik am Film war dann freilich zu hören, dass der Anfang katastrophal unübersichtlich sei, und über Gebühr an den Nerven des sowieso schon psychisch angekratzten Publikums am Ende eines langen Festivaltages zehren würde. Übersehen wird dabei natürlich, ganz abgesehen davon, dass sich das genrebedingt so gehört, dass der Zuschauer in eben genau jene Position der Protagonisten versetzt werden soll, die sich in einem undurchschaubaren Netzwerk aus Gefahren, Verbindungen, Zugehörigkeiten und Abhängigkeiten befinden. Viele Figuren, viele Handlungsstränge, unklare Rivalitäten. Wie soll man das verstehen, rational nachvollziehen? Ganz einfach: man kann es nicht. Es ist auch nicht gedacht, das zu tun. Der Inhalt (die Unübersichtlichkeit) gerinnt zur Form, der Film ist also in seiner Mechanik und Struktur vollkommen schlüssig und sinnig. Zudem: nach etwa der Hälfte der Spielzeit entwirrt sich das Netz etwas mit dem gemeinsamen Ziel des Überfalls auf das Yakuzabüro des Kredit-Wucherers. Er fokussiert sich, entschlackt, und wird immer mehr zu einer geradlinigen Erzählung, die sich in ihren Actionmomenten zu einer Eruption des Körperkinos hinreissen lässt, wie man es aus den allerschönsten Exzessen des Yakuza-Films in den 90ern kennt.

Mit dem Abspann, einem Kameraflug über die nächtliche Tokyo Bay zu tribalistisch-perkussiver Musik, die unheimlich und bedrohlich den Zuschauer bis zuletzt in einem Spannungsverhältnis hält, bis auch das letzte Filmbild von der Leinwand verschwunden ist, setzt der Film einen eindrücklichen Schlußpunkt über die Vergeblichkeit des menschlichen Strebens, der nihilistischen Gewalt, die sich immer gegen sich selbst wenden wird. GONIN SAGA trägt die mythische Geschichtsschreibung des Yakuza-Films fort, geht ganz in ihr auf, und ist somit im besten Sinne ein traditioneller Film, der modernen Varianten, die sich allzu oft in eine Form des selbstgefälligen Meta-Humor flüchten, eine Absage erteilt. Es ist eine wunderbare Zeit fürs Kino in der diese Positionen nebeneinander stehen können: GONIN SAGA neben Takeshi Kitanos RYUZO AND HIS SEVEN HENCHMEN (Review) - beides Filme, die ernst genommen werden wollen, und die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Michael Schleeh

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P.S.: die netten Kollegen von Schöner Denken haben mich nach der Vorführung des Films zu einem nächtlichen Podcast-Gespräch eingeladen, an dem ich gerne teilgenommen habe. Sobald die Episode online ist, werde ich das hier noch verlinken.

Mittwoch, 25. Mai 2016

Nippon Connection 2016: Oyster Factory / Kakikoba (Kazuhiro Soda, Japan 2015)


Der in New York lebende und aus Tokyo stammende japanische Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda legt mit OYSTER FACTORY seinen neuesten Film vor: 2007 war er mit CAMPAIGN noch bei der Berlinale vertreten, weitere Filme liefen auf verschiedenen Festivals. Dieser ist nun der sechste Film in einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Soda selbst in den Anfangstiteln als Serie durchnummeriert. Der Regisseur tritt zugleich als Produzent, Skriptwriter, Kameramann und Cutter auf. OYSTER FACTORY ist also ein Leidenschaftsprojekt, das mit wenigen Mitteln finanziert wurde und als Autorenkino durchgehen darf. Sein Platz im Programm der Reihe Nippon Visions ist also durchaus angemessen, obwohl Soda alles andere als ein Debutant ist. Und umso toller, dass er mein Eröffnungsfilm des Festivals war, denn dieser Film ist großartig.

Es war ein wenig der Zufall, der mich in diesen Film trieb: Kiyoshi Kurosawas JOURNEY TO THE SHORE, der eigentliche Eröffnungsfilm des Festivals, war bereits rappelvoll, und ich hatte ihn sowieso bereits gesehen (große Empfehlung, Review). Zeitgleich startete nun allerdings OYSTER FACTORY im etwas kleineren Kino in der Naxoshalle, und die Anwesenden schienen allesamt von ihm fasziniert zu sein. Zumindest verließ kein einziger Zuschauer bei zweieinhalb Stunden Laufzeit den Saal. Bei einem überlangen Dokumentarfilm über industrialisierte Austernzucht in der Inlandsee keine Selbstverständlichkeit. Dieser Film ist - neben seinen offensichtlichen Attraktionen wie der idyllischen Naturschönheit - vor allem enorm kurzweilig. Soda portraitiert drei Familienunternehmen, wie sie ihrem entbehrungsreichen Arbeitsalltag in der kleinen Hafenstadt Ushimado nachgehen. Einer der sympathischen Protagonisten ist dabei selbst ein Flüchtling. Er stammt aus Miyagi und ist ein Vertriebener des Tsunamis von 2011 und der radioaktiven Strahlungsbelastung von Fukushima. Seiner Familie, insbesondere seinen drei Töchtern, die immer wie verrückt und nebenbei durch den Film sich balgen, spielen und tollen, wollte er dieses Schicksal, die mögliche Strahlenkrankheit, ersparen. Als Austernfischer übernimmt er den Betrieb seines ehemaligen Arbeitgebers. 

Da sich aber nun für diesen knochenharten Job keinen Nachwuchs findet, sieht er sich gezwungen, chinesische Leiharbeiter einzustellen. Hier wird der Film nochmals um einige Schichten komplexer, da er innerhalb seines Mikrokosmos große gesamtgesellschaftliche Umwälzungen (des Makrokosmos) wie in einem Brennglas stellvertretend thematisiert. Denn über "die Chinesen" ist niemand glücklich. Ein latenter Rassismus wird deutlich in kleinen Nuancen, die sich überall finden. Zugleich aber die offenherzige Freundlichkeit der Japaner: denn er bestellt einen Wohncontainer für die Leiharbeiter, über den selbst die anwesenden Japaner sagen, dass sie gerne in so einem leben würden. Auch hier kommt übrigens wieder das Thema Fukushima ins Spiel, wenn es in einer Diskussionsschleife um die temporary housings der Tsunami-Opfer geht. Dies ist dann auch die vielschichtige menschliche Qualität, die bei Sodas Film immer wieder thematisiert wird - es ist ein komplexes Wechselspiel aus vielerlei Einflüssen, die den status quo des heutigen Menschen in der Gesellschaft bestimmen. Insbesondere da man hier Einblicke gewinnt in einen Broterwerb, der gerne als hinterwäldlerisch abgewertet wird (wenn man von Tokyo aus auf die Peripherie schaut, wie es einmal im Film heißt). Überhaupt faszinierend ist, mit welcher Präzision und Kenntnisreichheit, ja Spezialistentum alles Arbeiten am Produktionsprozess ausgeführt wird. Hier ist jeder ein großer Könner seines Fachs und der gesamte Betriebsablauf hochkomplex und faszinierend aufeinander eingespielt.

Als roter Faden durch den gesamten Film allerdings bewegt sich eine streunende Katze namens Shiro, also: weiß, die Weiße, die immer wieder überall eindringt und sich nicht abwimmeln lässt. Genauso wie der Regisseur, der auch mit der Kamera in die Leben fremder Menschen eindringt, zu unpopulären Themen Stellung bezieht, keinerlei Idyllisierung vornimmt. Lange Zeit ist OYSTER FACTORY lediglich Abbildung ohne Kommentar, die Bilder sprechen für sich. Erst später, wenn Soda selbst angesprochen wird, die Leute ihn kennenlernen, wird er mit seiner Kamera zunehmend selbst Gegenstand des Films - kulminierend in der Szene, in der die neuen chinesischen Arbeiter schließlich kommen, und die Japaner Angst davor haben, dass die Kamera sie abschrecken könnte. Aber auch da lässt sich Soda nicht unterkriegen und bekommt zugestanden, weiter zu drehen. Kazuhiro Soda in einem übrigens toll fotografierten Film: als die Katze Shiro, die auch mal beißt - als Metapher auf den Filmemacher selbst. Äußerst sehenswert.

Michael Schleeh

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Freitag, 6. Mai 2016

Die Nippon Connection 2016 - Japanisches Filmfestival Frankfurt


Was ich nie vergessen werde: wie im Frühjahr 2013, an einem für die Jahreszeit viel zu heißen Tag, die ganzen Leute, mit denen man sich getroffen hat, dann gemeinsam ins Filmmuseum Frankfurt hinabgestiegen sind um sich im kühlen, dunklen Kino von einer Bikergang überfahren zu lassen. In meiner Erinnerung ist im ganzen Film kein einziger normal ausgesprochener Satz gefallen, alles wurde gebrüllt oder geschrien, über das Röhren der rauchenden Auspuffe hinweg, über das Wegspritzen des Drecks und des Steinbelags, Gummispuren auf dem Asphalt hinterlassend und man selbst war eingehüllt in eine Nebelwolke aus Abgasen und Ekstase. Der Film hieß CRAZY THUNDER ROAD, sein Regisseur Sogo Ishii. Einführung: Tom Mes. Ein selten aufgeführter Mega-Klassiker der japanischen Filmgeschichte, der so genannten "Punk Years", gezeigt in der Retrospektive Eccentric and Explosive - the cinema of Sogo Ishii. Dieser Film war nur einer der Höhepunkte dieses Festivals, da gab es noch viel andere. Und neben all den Filmen und Spektakeln war es eben auch besonders toll, mal wieder die ganzen Leute - auf einem Fleck - zu treffen, die man schon lange nicht mehr gesehen hatte (manche kannte man auch nur von Facebook), die mit einem dieselbe Leidenschaft teilten. Aber dieses Gefühl, das lässt sich schönerweise wiederholen, jedesmal ein bisschen anders, klar, bei der Nippon Connection in Frankfurt. Dem japanischen Fimfestival in Deutschland und Europa, dem vielleicht schönsten Filmfestival des ganzen Jahres. Und das aus vielerlei Gründen, und zur diesjährigen, wieder spektakulären Retro, später mehr.

Für eine knappe Woche wird das Gelände um den Mousonturm in der Frankfurter Innenstadt, eine Art aufgehübschter Kulturbunker, zum Zentrum des Festivals. Dort befinden sich auf mehreren Ebenen Kinos, Veranstaltungsräume, Ticketschalter, Merchandise-Stand, Cafés, Pressezentrum usw. usf. Schräg gegenüber, in einer restaurierten historischen Fabrikhalle, der Naxoshalle, kann ebenfalls ins Kino gehen, Essen abholen und Leute aus dem Organisationsteam treffen. Dort herrscht eine entspanntere Atmosphäre, weil nicht so voll. Die Bierbänke vor dem Eingang verführen zum Sitzenbleiben, Quatschen, Leute Kennenlernen. Eigentlich halte ich mich dort am liebsten auf: man steht so ein bisschen am Rand und ist aber trotzdem mit dabei. Filme laufen ja außerdem auch noch, oder eine Performance wird gezeigt. In der Peripherie der Stadt finden sich dann die weiteren Spielstätten, wie das Mal Seh'n-Kino oder eben das oben erwähnte Filmmuseum. Ein Theater und eine Galerie gehören dieses jahr auch noch zum Festivalhorizont. Da muss man dann aber überall extra hinfahren und sich Zeit nehmen, klar. Nun aber zum Festival-Programm (Link):

Man kann dieses Jahr dann auch gleich mit Sogo Ishii weitermachen, der sich seit neuerem Gakuryu Ishii nennt (und der sich mit seinem Comeback-Film ISN'T ANYONE ALIVE? im Jahr 2012 umbenannt hat): auf dem Festival läuft THAT'S IT (Soredake, 2015), der an seine wilden Punk-Years anschließen soll, an Klassiker wie BURST CITY oder eben die Bikergangs in CRAZY THUNDER ROAD. Der Titel ist inspiriert von einem Song der japanischen Rockband Bloodthirsty Butchers und ist also, neben seinem Plot um einen jungen Mann, der aus einer Verbrecherbande aussteigen will und dabei einen dummen Fehler begeht, auch eine Hommage an den jüngst verstorbenen Sänger dieser Band. Außerdem, und darauf bin ich besonders gespannt, weil ich Isao Yukisadas Filme so mag: PINK AND GRAY, den ich in Hong Kong verpasst habe. Eiji Uchidas neuer Film LOWLIFE LOVE hat einiges an Turbulenzen erzeugt: es ist ein no-budget-Film, produziert und finanziert vom Chef von Third Window Films, der für den Film seine private Schallplattensammlung verkauft hat. Auf Twitter konnte man dem Entstehen des Filmes wunderbar beiwohnen. Und dann gab es auch noch Ärger, weil er als Selbst-Reflexion auf die japanische Filmindustrie deren Untiefen auslotet und sich als Nestbeschmutzer bezichtigen lassen musste. Schön!

Der neue Takeshi Kitano, RYUZO AND THE SEVEN HENCHMEN (Review), ist eine großartige, dabei ziemlich bittere Altherren-Yakuzakomödie und sorgt mit Sicherheit für einen gelungenen Abend (dafür verbürge ich mich). Auch auf Yoji Yamadas Film NAGASAKI: MEMORIES OF MY SON freue ich mich besonders, der laut bisheriger Resonanz ganz besonders rührend ausgefallen sein muss. Ob er besser ist als sein neuster, im Jahr 2016 entstandener Film mit dem spöttischen Titel WHAT A WONDERFUL FAMILY! (Review), wird sich allerdings zeigen müssen. Ebenfalls im Programm findet sich eine Mini-Retrospektive einiger Filme von Kiyoshi Kurosawa, der dieses Jahr mit dem Nippon Honor Award geehrt wird. Gezeigt werden TOKYO SONATA (Review), CURE, CREEPY (Review) und sein großartiger, dabei ziemlich ruhiger Film JOURNEY TO THE SHORE (Review). Besonders freuen darf man sich außerdem auf eine geballte Doppelladung Sion Sono: neben THE WHISPERING STAR läuft noch sein völlig großartiger LOVE & PEACE, der für mich zu den besten Filmen des gesamten letzten Jahres zählt (Review).

Neben einer ganzen Reihe von Animationsfilmen wie MISS HOKUSAI (heiß erwartet!), THE CASE OF HANA & ALICE von Shunji Iwai (Review), HARMONY von Michael Arias oder EMPIRE OF CORPSES von Ryotaro Makihara kann man neues Cine-Gold auch in der Sektion Nippon Visions entdecken, in der noch unbekannte Filmemacher mit etwa zwanzig Filmen vertreten sind. Außerdem finden sich hier auch drei Kurzfilmprogramme. Sektionenübergreifend werden natürlich auch gesellschaftlich relevante Themen verhandelt, ganz besonders im Fokus steht hier das schreckliche 5jährige "Jubiläum" der Dreifachkatastrophe in Sendai, mit dem Erdbeben, dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Ein äußerst virulentes Thema, das auch - schon alleine wegen der Spätfolgen - filmisch noch längst nicht abgeschlossen behandelt ist, auch wenn sich vor Ort partiell etwas Normalität einzustellen beginnt.

Die Filme der Nippon Retro sind  dieses Jahr eine ganz besondere Delikatesse, denn es geht um japanische Geistergeschichten. Und da reihen sich große Filmklassiker wie Kenji Mizoguchis UGETSU MONOGATARI, Kaneto Shindos ONIBABA oder Nobuo Nakagawas bildgewaltiger JIGOKU, der seine Höllenbilder ganz einzigartig auf die Leinwand wirft, neben bei uns unbekannteren Werken wie Nakagawas MANSION OF THE GHOST CAT oder Kenji Misumis YOTSUYA KWAIDAN. Diese Filme sind völlig zu unrecht in Vergessenheit geraten und gehören dringend wieder ins Bewußtsein einer größeren Zuschauerschaft katapultiert. Es sind magische Filme, die auf bedrohliche Weise die Schwelle zwischen Leben und Tod aufzulösen vermögen und die die Angst und den Terror, auch den Sog, den sie auf ihre Protagonisten auslösen, in enigmatischen Bildern zu visualisieren vermögen. Die Filme dieser Retro muss man ausnahmslos alle gesehen haben.

Außerdem läuft noch Satsuo Yamamotos PEONY LANTERN GHOST STORY (1968), der im Programm unter dem etwas ungewöhnlichen US-Titel THE BRIDE FROM HADES aufgeführt wird - und der der einzige Film der Retrospektive ist, den ich noch nicht kenne. Einige der Filme sind so gut wie niemals in Deutschland auf der großen Leinwand zu sehen, wenn man nicht gerade in der Nähe eines Ablegers der Japan Foundation wohnt, aus dessen Bestand die Filme der Retro stammen dürften. Zumindest habe ich im Japanischen Kulturinstitut in Köln das meiste der Sachen gesehen. Aber wie auch immer: das ist eine ganz tolle Zusammenstellung und absolut essenziell, wenn man sich für klassische Horror- und Geisterfilme aus Japan interessiert.

Abgerundet wird das filmische Programm wie jedes Jahr mit einer ganzen Fülle an Attraktivitäten, die alleine für sich schon genügen würden, um das Publikum anzulocken. Man kann in dieser Woche quasi einen Kurzurlaub in Japan verbringen, wenn man sich auf all die verschiedenen kulinarischen Genüsse stürzt. In der Saké-Lounge abhängt, an einer Teezeremonie oder an einem Kochkurs teilnimmt. Musikalisches findet sich ebenso bei Konzert- und Karaoke-Veranstaltungen, man kann einen Manga-Workshop belegen und verschiedenen Vorträgen und Podiumsdiskussionen beiwohnen (zum Beispiel einen mit dem interessanten Titel Female Ghosts in Japanese Cinema, der mit Sicherheit auch auf die Retro abzielt und hoffentlicht auch die yuki onna, meine Lieblingsgeistergestalt, mit einbezieht, die in der Retro übrigens sträflichst vernachlässigt wird). Ansonsten gibt es noch einen japanischen Markt, ein Game-Center, Origami-Kurse, ein Schwertkampfspektakel und noch so einiges mehr, wenn man das Stillsitzen im Kino satt hat. Es ist eine Überfülle, der sich schwerlich Herr werden lässt, und wie so oft bei solchen Veranstaltungen wird man dazu gezwungen, sich in der Kunst des Weglassens zu üben: wenn ich mich für A entscheide, dann muss ich B und C sausen lassen. Es ist eine Tragödie. Aber eine schöne. Darauf ein mono no aware!

Michael Schleeh

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