DVD BluRay

Donnerstag, 21. Juli 2016

Meine Brüder und Schwestern im Norden (Cho Sung-hyung, Deutschland/Nordkorea 2016)



 Ist es nicht furchtbar öde, sich immer wieder in seinen eigenen Vorurteilen bestätigen zu lassen? Und gerade das – übrigens nur scheinbar – hermetisch abgeriegelte Nordkorea ist ein Paradebeispiel für die Mechanismen der westlichen Meinungsmachermaschinerie, die Böseste aller Nationen und das bedrohlichste aller politischen Systeme immer wieder aufs Neue mit denselben Bildern zu skandalisieren und vorzuführen. Militär-Paraden, herausgeputzte Panzer, im Gleichschritt marschierende Soldaten und Soldatinnen, leere Supermarkt-Regale, Hungersnöte, das graue Pjöngjang. Nordkorea – das Land, in dem niemand lächelt. Vor dieser Folie kann man sich selbst ganz wunderbar als Fackelträger der Freiheit inszenieren und, das ist auch klar, da erscheint die eigene korrupte Gesellschaft ganz wie von selbst als das Paradies auf Erden. Der Mensch glaubt eben, was er glauben will. Und sollten es noch so ausgelutschte Klischees und Stereotypen sein. Sollte man ihm diese Freiheit nehmen?

Als Dokumentaristin hat sich die gebürtige Südkoreanerin und deutsche Staatsbürgerin Cho Sung-hyung schon längst einen Namen gemacht: Filme wie Full Metal Village (über das Heavy Metal-Festival in Wacken), 11 Freundinnen („Durch den DFB habe ich gelernt, wie ein totalitäres System funktioniert“) und den sehr humorvoll-zärtlichen Endstation der Sehnsüchte (über ein „deutsches Dorf“ in Südkorea) belegen eindrucksvoll ihr Interesse für gesellschaftliche Mikrokosmen, die sich eher unbemerkt entwickelt haben und die sich an der Peripherie aufhalten. Das Schöne dabei: das Dargestellte steht für sich selbst. Die Regisseurin erhebt sich nicht über die Bilder, stellt nichts aus. Wenn sich etwas entlarvt, dann entlarvt es sich selbst. Sie schreibt einem nicht vor, wie man etwas zu interpretieren hat. Und so wird auch in diesem Film nichts beschönigt oder verdammt. Es wird thematisiert, wie schwierig es war, überhaupt ins Land einzureisen. Es wird immer wieder gezeigt, wie sehr sich die Menschen für ihr Land aufopfern und für ihren Führer Kim Jong Un. Wie sehr sie in Systemen drinstecken, wie etwa die Näherinnen in der Kleiderfabrik in Wonsan. Was für eine große Rolle das Militär in diesem Lande spielt. Aber es wird eben auch gezeigt: fußballspielende Kinder; lachende Schüler; interaktiver Englischunterricht; Bauern, die ihren Strom durch Solarzellen gewinnen; Badegäste in einem Vergnügungspark; gedeckte Tische; Interesse am Ausland; Sonne; Himmel; Farben; idyllische Natur; lachende Menschen beim Selfie-Schießen in schönen Landschaften; der grüne Rasen von Pjöngjang.

Man bekommt ein Nordkorea zu Gesicht, wie es von westlichen Medien offenbar nur allzugerne ausgespart wird. Und man bekommt Geschichten erzählt, die man sonst niemals zu hören bekommt. Etwa von einer junge Frau, die  Mode-Designerin werden will, oder wie ein Künstler mit seinen Gemälden zu großem Reichtum gekommen sei. Man sieht ihm schon von weitem an, dass er schwindelt, aber er möchte wohl die Regisseurin beeindrucken. Alles ganz menschlich, also. Man merkt aber auch, wie bescheiden und zurückhaltend die Menschen jenseits der Joint Security Area zu sein scheinen. Da können einem schon ein wenig die Augen feucht werden, wenn eine Großmutter die Regisseurin darum bittet, die Wiedervereinigung voranzutreiben, damit man endlich den Leichnam des Großvaters aus dem Süden des Landes in den Norden holen könne. Man hat jedenfalls nicht den Eindruck, dass hier irgendwer weg will. Wer hätte das gedacht?

Michael Schleeh


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Samstag, 16. Juli 2016

Veteran (Ryoo Seung-wan, Südkorea 2015)


 Wenn man sich auf etwas verlassen kann, dann die Tatsache, dass man, bei eigentlich egal welchem Film aus Südkorea, immer (mehr als) sehr ordentliche production values zu sehen bekommt. Da steckt in jeder Produktion erstaunlich viel Geld drin (vielleicht abgesehen von in Ungnade gefallenen Regisseuren wie KIM Ki-duk, von dessen letztem Film überhaupt niemand mehr spricht) - und ebenso hart ist es, sich auf diesem Markt zu behaupten. Wo sähe man nicht jedes Jahr unzählige neue Talente relativ große Filme machen, die danach völlig von der Bildfläche verschwinden? Und Ryoo Seung-wan gehört definitiv nicht dazu: THE CRYING FIST, CITY OF VIOLENCE, ARAHAN oder THE BERLIN FILE gehören zu seinem Oeuvre und da verwundert es nicht, wenn sein letzter Film VETERAN in Korea an den Kinokassen völlig abgeräumt hat. Es soll der vierterfolgreiche koreanische Film aller Zeiten sein und man sieht schon nach wenigen Minuten, warum das so ist: eine hochoktane Actionkomödie mit beliebten Darstellern, die sich nie zu schade dafür ist, humorig und albern zu sein - und zugleich Vollgas zu geben. 

Es geht um einen superslicken Business-Tycoon, aus einer reichen Familie stammend, der sich wie ein Tyrann gebärdet. Nicht nur im geschäftlichen, sondern auch im privaten Bereich. Seoul gehört ihm, das merkt man schnell. Das Netzwerk, das er aufgebaut hat, ist undurchschaubar und weitverzweigt. Als eine Polizeieinheit einen vermeintlichen Selbstmord eines Lastwagenfahrers untersucht, bemerkt sie, dass da etwas nicht stimmen kann und kommt so nach und nach hinter die illegalen Machenschaften dieses Geschäftemachers. Doch sein Einfluss macht auch vor der Polizeibehörde selbst nicht halt. Einer der Cops lässt sich jedoch nicht einschüchtern - er ist der titelgebende "Veteran", wie er einmal von seinen jüngeren Kollegen bezeichnet wird, und dieser will ihm das Handwerk legen. Ein durch und durch generischer Plot also, hundert mal gesehen und also zunächst wenig erquicklich. Dass sich das bald ändert, liegt einerseits an der klug verschachtelten Struktur des Films, an den eingewobenen Subplots etwa, als auch am spielfreudigen Cast, der hier eine irre überzeugende Arbeit abliefert. Den fahlen Geschmack im Mund wird der Film aber niemals ganz los - er ist eben dann doch nur ein weiterer Polizeifilm unter vielen anderen. Zwar nicht völlig austauschbar, aber es ist wenig Fleisch an ihm dran, das aus der Masse herausstechen würde.

Indes, interessante Frauenrollen sind in diesem Film nicht vorzufinden. Eine der Polizistinnen fällt mehrfach durch ihre rabiate Art auf, und auch durch ihre blitzschnellen Kicks. In zwei, drei Szenen tritt sie Gangstern eindrücklich vors Hirn, viel mehr darf sie aber nicht machen. Andere Frauen existieren in diesem Film eigentlich nicht. Freilich, da gibt es eine Ehfrau, die sich wie eine Ehefrau verhält und Partychicks, die sich wie Koksnutten gebärden. Den Bechdel-Test besteht VETERAN nicht, und so richtig dürfte das niemanden verwundern: in diesem Film sind alle Frauenrollen einfallslose Stereotypisierungen.

Viel mehr gibt es - von meiner Seite aus -  nicht zu sagen zu diesem Blockbuster: er scheint sich und seinem Genre zu genügen. Die Geschichte des Erfolges fortzuschreiben, ohne ihm etwas Neues dabei einzuschreiben. Freilich könnte man die Figuren als Stellvertreter für gewisse gesellschaftliche Mechanismen betrachten, die in der Geschäftswelt überhand genommen haben. Einen zivilisatorischen und gesellschaftskritischen Aspekt will ich ihm nicht absprechen - da wird schon mehrfach die Schere angesprochen, die die wenigen Superreichen und Erfolgreichen vom Rest des Fussvolks trenne. Zugleich sind die Figuren schon richtige Individuen mit einem mehr oder weniger beschränkten Innenleben. Figuren also, die durch ihre individuelle, singuläre Erscheinung zum Erzählgegenstand des Films werden und somit gerade nicht generalisierbar und zu verallgemeinern sind. Meines Erachtens weist der Film nicht über sich hinaus. Er verharrt in dem ihm zugedachten Schutzraum, in dem er sich entfalten kann - und verschafft dem Zuschauer dadurch eventuell ein schönes Kinoerlebnis, aber ganz sicher keine schlaflose Nacht. VETERAN schafft es in keinem Moment, den Zuschauer aufzuwühlen oder zu verunsichern. VETERAN ist purer Mainstream.

Michael Schleeh

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Mittwoch, 13. Juli 2016

Bajirao Mastani (Sanjay Leela Bhansali, Indien 2015)


Ein Historienepos, angesiedelt im 17. Jahrhundert, ein Kostümfilm, der durch seinen Detailreichtum begeistert und der alles, was da ist, in jedem Moment überhöht: Bajirao Mastani erzählt die unglückliche Liebesgeschichte vom Peshwa und Kriegsherren Bajirao aus dem Marathen-Reich (Ranveer Singh) und seiner zweiten Frau Mastani (Deepika Padukone), die aus religiösen Gründen nicht zueinander finden können. Während in der ersten Filmhälfte der Fokus auf imposanten Schlachten liegt, verlagert sich die Handlung in der zweiten immer mehr in die Innenräume der Festungen und Tempelanlagen – und somit auch in die Innenwelten der Charaktere. Dort dann auch eindrücklichste Song & Dance-Szenen, die sowohl durch ihre visuelle Opulenz als auch durch die tollen Songs zu überzeugen wissen. Aber auch Bajiraos Kriegstanz „Malhari“ im Zelt auf weiter Steppe ist ein grandioser Einblick in die Fähigkeiten dieser Regie und ihrer Akteure. Freilich, es wird alles bis in die Karikatur hinein verzerrt. Man sieht aber direkt, wie dieser Film funktioniert.

Der religiöse Graben, der sich bald als tiefer Riss durch das Glück der Protagonisten zieht – auch, verständlicherweise, verstärkt durch die Eifersucht von Bajiraos erster Frau Kashibai (Priyanka Chopra) - läßt schon früh erahnen, dass diese Heldengeschichte nur mit dem Exil oder dem Tod der Helden enden kann. Zu unvereinbar scheinen die religiösen Positionen zu sein, die um die jeweilige Gewaltenhoheit fürchten. Am Ende ist Bajirao Mastani wohl so etwas wie eine Romeo & Julia-Variation mit Schlachtfeldern und Glaspalästen und Boudoirs, bei der ein familiärer Konflikt auf Nationen und Glaubensgemeinschaften ausgeweitet wurde. Ein hauchdünner Plot, der nicht von den visuellen Reizen des Filmes ablenkt. Mughal-e-Azam, anyone?

Wenn ein Film viele Jahre in der Planung ist und dann immer wieder aus verschiedensten Gründen verschoben wird, dann tut ihm das in der Regel nicht gut. Bajirao Mastani merkt man davon nichts an. Ganz im Gegenteil, alle Energie scheint in die Perfektioniereung der Bilder geflossen zu sein, die zwar – im besten Sinne – Überwältigungskino bieten, aber dennoch nie das Auge für das richtige Maß vermissen lassen. Dass der Film dann doch nicht ganz so hohe emotionale Wellen geschlagen hat, wie zum Beispiel zuletzt der völlig euphorisch gefeierte Baahubali, das könnte zum einen am allzu bekannten Plot, zum anderen an der autoritären Reserviertheit von Ranveer Singhs Filmfigur Bajirao liegen. Diesem Herrscher und Krieger, der selbst ein zerrissener ist, kann man mitunter nur schwer nahe kommen. Viel eher sind es die Frauenrollen, die einen empathischen Zugang ermöglichen. Ein Rest der Distanz aber bleibt. Dennoch: Bajirao Mastani ist ein überwältigendes Meisterstück, dessen größtes Verdienst sicherlich das Einfordern von religiöser Toleranz darstellt, und das dabei spannend ist, unterhaltend und durchkomponiert bis ins letzte funkelnde Filmdetail.

Bajirao Mastani, Indien 2015; Regie: Sanjay Leela Bhansali.

Die DVD ist bei Rapid Eye Movies erschienen und kann mit einem ausgezeichneten Bild glänzen. Und auch die Tonspur ist auffällig brillant. Neben dem Hauptfilm in deutscher Synchro und Original Hindi mit deutscher Untertitelspur finden sich noch vier kleine Schauspielerportraits mit Szenen aus dem Film und Snippets von Interviews. Neben den üblichen Shortcuts zu den Songs im Film ist noch eine Trailershow der jüngsten REM-VÖs vorhanden, die eindrücklich vor Augen führt, wer hier in Deutschland immer noch die Nase vorn hat, wenn es um indisches Mainstream-Kino geht. Eine rundum gelungene Veröffentlichung.


Michael Schleeh


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Freitag, 8. Juli 2016

Udaan (Vikramaditya Motwane, Indien 2010)

 
In einer industriellen Provinzstadt angesiedelt, bringt Udaan das notwendige Setting mit, um einen "ungeschminkten Blick" auf die nervenaufreibende coming-of-age-Geschichte des 17 Jahre jungen Rohan zu werfen. Einer, der gerne Schriftsteller werden will, dessen Vater aber besser weiß, was gut für ihn ist: nämlich das Ingenieurswesen. Kein Wunder scheitert der schüchterne Schöngeist prompt an der Hochschule und wird dann für kurze Zeit sogar empfänglich für das Laster Alkohol. Als sein jüngerer Bruder vom Vater mit dem Gürtel verdroschen wird und sogar ins Krankenhaus muss, spitzt sich die Lage weiter zu, und lange Arbeitstage in der Fabrik, zu denen er gezwungen wird, machen ihn auch nicht glücklicher. Da kommt ein Anruf seiner besten Kumpels - die haben ein Restaurant in Bombay übernommen und wollen unbedingt, dass sich Rohan ihnen anschließt. Doch kann er sich gegen den dominanten Vater durchsetzen?

Udaan kommt allgemein gut an in der Filmszene, hat er doch alles, um zu begeistern: Einen starken Hang zum Realismus (schmutzige Fabrikschlote, einsame und staubige Straßen, verschwitzte T-Shirts, kein Song & Dance weit und breit); eine bengalisch anmutende Verkannter-Künstler-Thematik; einen prügelnden Patriarchen, dessen Zeit offensichtlich abgelaufen ist; generell schwierige Familienkonstellationen und einen starken Hang zum Arthouse-Kino, das lange Einstellungen liebt und den Film in einen eher schleppenden Rhythmus versetzt. Allein: es ist von allem zu viel. Das sind zu viele Stereotype und Klischees, die sich hier anhäufen, und so wirkt der Film wie entschleunigtes, dabei tatsächlich sehr bemühtes Weltkino, das auf den internationalen Markt zugeschnitten ist. Auch Motwanes ziemlich toller Lootera (Review) spielt ja mit seinem Genre und seinen Klischees, schafft es dabei aber deutlich besser und souveräner, einen eigenen, authentischen Standpunkt zu beziehen. 

Udaan hingegen schwimmt sich niemals frei, man sieht in ihm immer viele andere Filme, die alle schon da waren und gezeigt haben, wie es stilsicherer funktioniert. Die tollen Schauspieler allerdings federn das alles etwas ab, schaffen einen Ausgleich, sodaß der Film von seinen Stereotypen nicht erdrückt wird. Wie auch die reduziert eingesetzte und gerade deswegen effektive Musik. Aber in solchen Momenten, wie ziemlich gegen Ende, als sich Rohan in das Auto seines Vaters setzt - über Fabrikschlote blickend und über sein Leben sinnierend - und dieses dann nicht anspringt, das sind zu schlichte Metaphern, zu einfache Bilder aus dem Baukasten für ein emotional angeschlagenes und aufgebrachtes Subjekt. Freilich war das noch nicht genug, also muss auch noch das Fahrzeug durch Rohan zerstört werden (und eigentlich prügelt er damit auf seinen Vater ein, ein hilfloser Akt der Rache). Also nimmt er eine Eisenstange und zerlegt den Wagen, wie man es aus James Dean-Tagen noch kennt. Erst die Fenster, dann die Frontscheinwerfer, und dann die Seitenspiegel. Am Ende auch noch die Motorhaube. Naja. Auf einer Brücke (!), über einem dreckigen Fluß (!), ach ich höre besser auf. Man sieht, wie konstruiert und überdeutlich das dann doch alles ist, wenn man genauer hinschaut. Letztlich ist der Film eben nicht viel mehr als sehr durchschnittliche Betroffenheitskost. Ein echter Täuscher, der - immerhin - mit einem Bein auf der guten Seite steht.

Michael Schleeh

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Montag, 4. Juli 2016

Im Strahl der Sonne (Vitaly Mansky, 2016)


Es hätte ein Dokumentarfilm über „das echte Nordkorea“ werden sollen, so Regisseur Vitaly Mansky im Interview. Geworden ist Im Strahl der Sonne dann ein Film über die Selbst-Inszenierung eines Landes, in dem laut Parteiorder immer die Sonne aufgeht. Denn, auch die kleine Sin-mi weiß natürlich, dass dies im Osten geschieht. Und aus diesem Grund beginnt der Film am frühen Morgen in der nagelneuen Luxus-Wohnung des dokumentierten Familienlebens: die Mutter zieht die Vorhänge beiseite und läßt das Licht herein. Auf der schwarzen Leinwand erscheint das erste Filmbild. Die Fiktion beginnt.

Da dem Regisseur alles vorgegeben wird, was und wen und wie er filmen darf, zeichnet Im Stahl der Sonne nun aus, dass Mansky eben den Spieß umdreht und genau jene Inszeniertheit des Dargestellten zum Thema seines Filmes macht – und sie somit entlarvt als das, was sie ist: Schauspiel. Das sind Filmszenen, die er angeblich heimlich außer Landes brachte, um so seinem Film einen neuen roten Faden zu geben. So wird auch während des Films immer wieder vom „Drehbuch“ gesprochen, welches freilich jenes ist, welches sich die Koreaner für den Regisseur ausgedacht haben. Hier Mansky, du drehst das jetzt so und so. Sin-mi frühstückt mit ihren Eltern und sagen nun dies und jenes; Sin-mi kommt zu den Jungpionieren, alle stellen sich folgendermaßen auf; Sin-mi kommt ins Krankenhaus, das Team fährt ins nagelneuste der Stadt; Sin-mi in der Schule, die beste des Landes. Jede Bewegung ist vorgeplant, immer ist eine Begleitung dabei, kein Schritt kann alleine gemacht werden. Mansky findet dafür die entsprechenden Bilder zwischen kommunistischen Bombastbauten und schlechtem Wetter. Was wir lernen: in Nordkorea ist immer noch alles ganz schön grau.

So wie wir das gerne hätten, denn man braucht ja Bestätigung für die eigenen Vorurteile. Andere Filme sind da allerdings heute schon weiter, seit es seit ein paar Jahren wieder eine neue kleine Welle an Filmen gibt, die sich auf Nordkorea fokussieren. Auch auf der Berlinale liefen zwei. Bei netflix läuft momentan The Propaganda Game. Ein Film, der deutlich mehr Lust hat auf eine augenzwinkernde Darstellung, und der sich zu zeigen getraut, dass auch in Nordkorea mitunter tatsächlich mal die Sonne scheint. Und nicht alle Regale im Supermarkt immer leer sind. Es ist ein Kreuz mit den Schablonen, und Mansky bedient sie scheinbar nur allzu gerne.

So ist Im Strahl der Sonne vor allem ein Film über die Inszenierung von Bildern geworden, die als authentisch gelten sollen. Alles was man sieht, sieht man als Produkt einer fiktiven Gegenwart, die mit einer tatsächlichen Realität nichts zu tun haben. So Mansky. Woher sich Mansky da immer so sicher ist, das ist das Rätsel dieses Films: da er die andere Seite ja nicht kennen kann. Das Land ist also einmal mehr schuldig aufgrund Verdachts. Das sind für meinen Geschmack ein paar Abkürzungen zuviel im Jahre 2016. Dass dem Film dann kritikerseits die üblichen, erwartbaren – und gerne auch überheblichen – Schlagworte und Worthülsen an den Hals gedichtet werden, ist ebenfalls wenig verwunderlich: er sei „ein entlarvendes Dokument“, eine „Realsatire aus dem Rotgardisten-Stadl“, das „Dokument einer schamlosen Inszenierung“ und das „Bloßlegen der Mechanismen einer erschreckenden Diktatur“. Nun, um es kurz zu machen: das alles ist und macht der Film nur bedingt. Denn mit Skandalisierungen hält sich Mansky zurück. Aber man kann sich solche Sätze erlauben, da man meint, die moralische Hoheit zu besitzen. Und es alle sowieso gerne glauben wollen (ganz ähnlich wie die Smog-Bilder aus Peking). Schade, denn der Film ist tatsächlich sehr sehenswert. Als Zeugnis eines traurigen Kindes, das nicht sein eigenes Leben leben darf. Das viel zu sehr nach fremder Nase tanzen muss. Als Mensch in einer Maschine. Der Rest ist: Fiktion.

Michael Schleeh

Dieses Review ist zuerst bei Hard Sensations erschienen.

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