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Freitag, 30. September 2016

The Actor (Satoko Yokohama, Japan 2015)

Please welcome Yavuz! Ein neuer Autor bei Schneeland! Yavuz Say ist freier Autor und Teammitglied bei Nippon Connection e.V., Japanese Film Festival Frankfurt, wo er - laut Eigenaussage - ironischerweise nie zum Filmegucken kommt. Den Film "The Actor", der auch dieses Jahr auf dem Festival lief und der, wenn ich mich recht erinnere, sehr gut beim Publikum ankam, den hat er nun nachgeholt.
 

 Der Schauspieler Takuji Kameoka (Ken Yasuda) ist vor allem wegen einem gefragt: auf Kommando tot umzufallen. Takuji ist nämlich ein Spezialist für kirare-yaku, die Kunst, auf der Leinwand oder der Bühne zu sterben. Regisseure und Schauspielkollegen verehren ihn wegen seiner Gabe. Doch mit nur einem Ausdruck will er sich nicht mehr zufrieden geben. Als er eines Abends Bardame Azumi (Kumiko Aso) kennenlernt, beschließt er, ein „richtiger“ Schauspieler zu werden.

 Satoko Yokohamas Film springt oftmals zwischen Flashbacks und Flash-forward hin und her, ohne diese zu markieren - und das manchmal so erratisch, dass der Zuschauer die Zeitebenen gedanklich kaum noch einordnen kann. Oftmals wirken sie eher wie Tagträume, in denen sich der Protagonist verliert. In der Vermischung von Realem und Fiktion erlebt der Zuschauer auch die Reise von Takuji, die ihn zu dessen schauspielerischer Weiterentwicklung führen soll. Die Motivationen und Gefühle seiner Figuren, so bringt es ihm seine Lehrerin bei, sollen von ihm verinnerlicht werden. Ein erotischer Moment, den die beiden dann am Höhepunkt des Films miteinander bei einer Theaterperformance erleben, lässt durch seine Doppelkodierung das ambivalente Verhältnis von Gespieltem und Realem erahnen. 

 Dieser Drahtseilakt, auf dem Takuji sich bewegt, wird skurril und witzig, größtenteils aber eher gemächlich inszeniert – immerhin ist der Film, wie so viele andere aus Japan, ziemlich genau 2 Stunden lang. Dabei ist es irgendwie passend, dass man Takuji bei seiner Odyssee durch die Filmszenerien der jidai-geki und gendai-geki folgt. Schließlich dienen diese beiden Hauptgenres des japanischen Films, der Historienfilm und Gegenwartsfilm, nicht nur als zentrale Kulissen für den Selbstfindungstrip des Helden, sondern auch für die Reise in die Vergangenheit des japanischen Filmes, der noch heute Elemente des minimalistischen Kabuki- und Noh-Theaters in sich trägt.

  Den Mittelweg zwischen Pose und expressivem Ausleben der Rolle findet Takuji schließlich bei spontanen Improvisationen, bei denen er nicht mehr Wert darauf legt, ob er überhaupt noch von der Kamera gefilmt wird (worauf der Regisseur vor lauter Begeisterung sogar noch mehr Kameras aufstellen lässt). Als er dann ans Ende des Weges und damit an sein vermeintliches Ziel gelangt, bleibt für ihn konsequenterweise nur noch eine Handlung: nämlich die Einengung durch den filmischen Raum endgültig zu verlassen. Dies tut er dann auch, wortwörtlich, indem er in der letzten Einstellung aus der Kadrierung geht.

Yavuz Say

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Freitag, 23. September 2016

Bitter Money (Wang Bing, Hong Kong/Frankreich, 2016)


 Es sind ganz verschiedene Eindrücke, die mich an Wang Bings Dokumentarfilm BITTER MONEY nicht mehr loslassen. Stärker übrigens,  als das bei TA'ANG der Fall war, alleine schon, weil ich hier die Kamera viel interessanter finde. Aber was es genau ist, weiß ich nicht (und TA'ANG abwerten, das will ich nun gleich gar nicht). Es geht um prekäre Arbeitsverhältnisse: arme Leute aus den ländlichen Gegenden reisen in eine Großstadt, um dort in einer, mehreren Textilfabriken zu arbeiten. Irgendwo in China gibt es eine solche Stadt, wo eben viele kleinere Unternehmen angesiedelt sind, und dort strömen eine ganze Menge Leute hin. Man wohnt auch dort, baut sich vielleicht was auf. Der Film beginnt am Anfang der Reise, im Zug. Alle sitzen, schlafen, essen, quatschen stundenlang mit- und gegeneinander. Verlorene, Familien, Liebende, auf der Suche nach Geld, Glück, Sicherheit. Einer Zukunft. Dann kommen sie in der Stadt an und arbeiten, essen, schlafen. Laufen herum, telefonieren. Wang Bing driftet von einer Person zur nächsten, erzählt viele Geschichten in diesem knapp dreistündigen Film. Leider hört er dann irgendwann auf, ich hätte noch lange weiter gucken wollen.

 Der Film also erzählt nicht eine Geschichte kohärent von einem Anfangs- hin zu einem Endpunkt, sondern gibt lediglich den Rahmen vor, den man sich vorher ausgedacht hat. Abreise, Ankunft, Arbeit, Abreise. Die Geschichten, die erzählt werden, die fallen hinein in dieses Muster, ohne diese Stadien zu durchlaufen, sondern jede erzählt etwas, einen Teilaspekt, einen Ausriss aus dem großen Ganzen (das man Leben nennen könnte - oder Film). Und bei einer anderen Person ist es eben anders gelaufen - und dann doch auch wieder gleich, irgendwie. Das ist auch das Schöne an diesem Film, dass alle Personen Individuen sind, und zugleich Stellvertreter für viele. Jede Figur weist über sich selbst hinaus, obwohl alles so furchtbar alltäglich ist. Die banale Existenz.

 Natürlich wird nicht kommentiert, es "entlarvt sich" auch nichts "selbst", wie vielleicht bei Ulrich Seidl. Wang Bing zeigt einfach nur, und sagt gar nichts. Braucht er auch nicht, sein Werk ist völlig offen, und der Zuschauer kann daraus machen, was er will. Die Bilder selbst, das ist seine Auswahl, sein Gestalten. Und wenn einer zehn Stunden an einer Nähmaschine sitzt, dann kann man das schlimm finden, aber was wirklich los ist, weiß man nicht so richtig. Plötzlich lacht der, und freut sich, dass er so und soviele Teile heute genäht hat. Kapitalismuskritik schwingt freilich mit, aber so einfach ist es nun auch wieder nicht. Später sitzt man dann auf der Straße herum, trinkt Bier und flirtet mit ein, zwei Mädchen. Wenn ich an den Flm denke, dann häufig an diese Nachtszenen, in denen mal gegessen, mal gearbeitet wird. Oder geschlafen, zu dritt in einem Verschlag. Und klar hätte man sicherlich gerne eine eigene Wohnung, aber man kann nicht sagen, dass sich jemand beklagen würde. Auch die Mädels, die nicht viel anders hausen, gehen duschen und machen sich dann hübsch fürs Ausgehen. Eine streitet mit ihrem Ehemann, der wird dann ruppig, und man wünscht sich, dass das dann gespielt ist, eine fiktionale Szene. Ich bezweifle es, aber ganz sicher kann man sich nie sein.

 Das verdiente Geld ist natürlich bitteres Geld. Alle sind fern ihrer Heimat, viele haben die eigene Familie verlassen müssen und schicken das Geld nach Hause. Alle sind das, was wir arm nennen würden. Aber alle haben ihre Würde behalten, keiner und keine lässt sich verarschen. Alle nehmen die Sache (und sich selbst) ernst. Und wenn etwas völlig unakzeptabel ist, dann wird direkt gekündigt. So wenig Sicherheiten man hat, so viel Unverbindlichkeit (oder Freiheit?) genehmigt man sich. Keine der Personen lässt sich einsperren. Gibt es irgendwo bessere Arbeit, besser bezahlt oder sonstwie attraktiver, dann ist man sofort weg und bereit, alles hinter sich zu lassen. Das ist eine ganz merkwürdig faszinierende Freiheit, die sich die Menschen hier nehmen: die die instabilen Verhältnisse verinnerlicht haben und oft genug den Spieß umdrehen, wenn sie sich selbst das Wichtigste werden. Also auch in dieser Hinsicht, im Hinblick auf Arbeitsverhältnisse im 21. Jahrhundert, ist Wang Bings BITTER MONEY ein äußerst faszinierender Film. Die Personen allein und ausschließlich als Opfer der Verhältnisse wahrzunehmen, wäre völlig fehl am Platz. Auch wenn diesen Lebenswelten eine deutlich existenziellere Dringlichkeit innewohnt, als dem, was wir in Mitteleuropa als bedrohlich zu empfinden gewohnt sind. Mit poverty porn hat dieser Film nun aber gar nichts zu tun.

Michael Schleeh

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Donnerstag, 8. September 2016

The Priests / Geomeun sajedeul (Jang Jae-hyun, Südkorea 2015)

 

 Man kann nun dem Regie-Neuling Jang Jae-hyun schlecht Vorwürfe machen, dass sein Film nicht noch besser geworden ist, als er es ohnehin ist. Denn wenn jeder Debüt-Film das Niveau von The Priests aufweisen würde, dann müsste man sich um den Nachwuchs in Sachen Film keine Sorgen machen. Jang konnte zuvor mit einem Kurzfilm überzeugen, 12th Assistant Deacon, auf dem nun dieser Langfilm aufbaut. Eine Einschränkung kommt jedoch immer mit einem aber einher, und es ist nun leider auch nicht von der Hand zu weisen, dass der Film seine Schwächen hat. Vor allem im ersten Teil, wo aufwändig eine europäisch-genealogische Historizität des Religiösen - und somit des Dämonischen - aufgebaut werden muss (wie auch eine unbewusste Mitschuld der Priester an den Ereignissen selbst). Wie bekannt sein dürfte, ist Korea in weiten Teilen äußerst streng katholisch, was sich etwa in den traditionell frühen Heiratsplänen der meist noch jungen Eheleute manifestiert. Es verwundert also nicht, dass auch das Böse seinen Weg ins kleine Land irgendwo unterhalb von China und Russland gefunden hat. Und wer hätte da nicht sofort an Friedkins Der Exorzist gedacht, oder ganz aktuell: an The Wailing von Na Hong-jin, der ebenfalls mit einer fulminanten, klassischen Exorzismus-Szene aufwarten kann. Und wenn man ehrlich ist, dann ist die auch noch etwas eindrücklicher gelungen. Insgesamt mangelt es The Priests, das mein Hauptkritikpunkt am Film, etwas an Originalität und Eigenständigkeit.

 Aber dennoch: Jang ist ein fesselnder und äußerst atmosphärischer Film geglückt, der am Ende zu einem klaustrophobischen Kammerspiel mutiert, während aus einem kleinen Mädchen ein uralter Dämon herausbricht. Das liegt nun nicht zu geringem Teil auch an den beiden Protagonisten, von denen der junge Diakon Choi (gespielt von Gang Dong-won aus Kundo - Age of the Rampant) und insbesondere Priester Kim (Kim Yoon-seok) völlig überzeugen kann. Kim ist sowieso einer der momentan besten und angesagtesten Schauspieler Südkoreas. Ein Blick in seine Filmografie sagt alles: Running Wild, The Chaser, The Yellow Sea, Tazza, The Thieves, Hwayi, Sea Fog und viele mehr. Er gehört zu den Schauspielern, die selbst mit versteinertem Gesicht noch viel mehr aussagen können, als andere selbst durch grimassierendes Overacting (man vergleiche das einmal mit der Darstellung des Helden in Level Up, der ebenfalls auf dem Fantasy Filmfest läuft). Nicht ganz unironisch versuchen die beiden Priester (Lehrer und Schüler aka. Ersatzvater und Sohn) den Geist in einem Ferkel zu fangen, das immer grunzend durchs Zimmer läuft. Aber Scherz beiseite, denn ein weiterer Gegensatz macht sich bemerkbar: der zwischen der hochtechnologisierten Industrienation und der dunklen Mystik, der in die Vorzeiten der Geschichte zurückreicht, in der noch alte Traditionen ihre Bestimmung haben. Anschaulich wird das immer wieder in den Szenen der Teufelsaustreibung, wenn der in der Nacht hellerleuchtete Boulevard voller junger Menschen mit der dunklen Gasse kontrastiert wird, in der es zum Ort des Exorzismus geht. Kameraflüge, die die Nähe der beiden so getrennten Welten veranschaulichen. Hoch in einem traditionellen Haus ohne Glasfassade und Aufzug, über enge Flure und Treppen geht es in einen heruntergekommenen Raum, in dem sich bei Dunkelheit die Mäuse und Kakerlaken ein Stelldichein geben. Während wenige Meter weiter ein Apple-Store (oder dergleichen) die Nacht erhellt. Doch die Menschen im Jetzt und Heute bekommen von dieser zweiten Welt nichts mit. Die Priester sind Außenseiter, die heute keiner mehr versteht, ja verstehen kann. 

 Auch die Polizisten sind schnell dabei, einen Mordfall auszurufen, als sie den leblosen Körper des Mädchens entdecken. Die Nähe des Unheils, das hier eben noch unter dem Einsatz des eigenen Lebens abgewehrt wurde, und die Brisanz der Ereignisse werden den Ordnungshütern nicht bewusst. In dieser Welt zählen Logik und Ratio, Kausalitäten und Tatsachen. Jedes weitere Wort wäre vergeblich, und so bleibt erstmal nichts als Schweigen. Und die Hoffnung, dass es Autoritäten werden richten können. Doch Freunde haben die Teufelsaustreiber in den eigenen Reihen nicht viele, denn auch dort denkt man vor allem zunächst an die eigene Karriere. Es kann eben nur sein, was sein darf. Vor diesem Hintergrund, der sich problemlos auf andere gegenwärtige Problemlagen übertragen lässt, erzählt dieser Film - wenn auch wenig Neues und zunächst etwas ungelenk, dann aber in der zweiten Hälfte mitreissend und mit Verve. Ich bin auf Jangs zweiten Film gespannt und hoffe, er muss nicht jahrelang warten, bis er wieder auf den Regiestuhl darf. Potenzial hat der Mann ganz offensichtlich mehr als genug.

Michael Schleeh

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