DVD BluRay

Mittwoch, 21. Dezember 2016

How to Steal a Dog (Kim Sung-ho, Südkorea 2014)


  How to Steal a Dog ist eine niedliche und zugleich schwungvolle Neujahrskomödie aus Südkorea vom Regisseur von Into the Mirror (2003), die zum Jahreswechsel 2014/2015 in die dortigen Kinos gelangte. Entsprechend leichtfüßig kann man sich den Film dann auch vorstellen: hübsche Kinder in distress. Sie sind aus der Wohnung geflogen, die die Mutter nicht mehr bezahlen kann, weil ihr der Mann weggelaufen ist - und nun wohnen sie in einem kleinen, quitschebunten Lieferwagen. Hört sich idyllisch an, ist es in einer Großstadt aber nicht. Die Mädchen lesen dann in einer Anzeige, eine Neubauwohnung wäre für bereits 500 Won zu bekommen. Was natürlich Quatsch ist, das ist nur der Quadratmeterpreis, aber so wird die Story in Gang gesetzt. Man will via Belohnung an die nötige Knete kommen, am Besten indem man einen Hund entführt und ihn dann selbst zurück bringt. Da geht nun freilich alles schief, aber: es wird viel gelernt (auch die Erwachsenen lernen viel von ihren Kindern), Familien zusammengeführt oder -verbände zumindest gestärkt, Freundschaften geschlossen, auch wenn dieser eine Mann mit dem Motorrad ein komischer Kauz ist. Soziale Schranken werden abgebaut, Verantwortung wird übernommen.

Kurzum: How to Steal a Dog ist ein Familienfilm, der mit viel Tempo und Witz und Situationskomik zu überzeugen weiß und seine beiden süßen Hauptdarstellerinnen immer ins rechte Licht rückt. Strukturell ist alles schön vorhersehbar: da bleibt der Film seinem Genre treu, Überraschungen darf man hier nicht erwarten. Und so liegt es wohl an einem selbst, an der eigenen Erwartungshaltung, ob man das nun völlig gut gelungen findet (weil er alles das sehr gekonnt macht, was er tut), oder eben auch ein bisschen generisch öde (weil eben so wenig Überraschendes passiert). Wie gesagt: das betrifft nur die Struktur, inhaltlich wird einiges geboten (gedreht ist er nach einem Bestseller von Barbara O'Connor, der angeblich etwas dunkler und unangenehmer sein soll, als dieser Wohlfühlfilm) - was wohl auch die sehr gute Bewertung auf der IMDb plausibel werden lässt. Dort kommt der Film auf satte 7.1 Punkte. Das ist schon eine ganze Menge. Bemerkenswert ist außerdem die Beteiligung von Kim Hye-ja, die man nun nicht so wahnsinnig oft sieht und die in Bong Joon-hos großartigem Mother die Hauptrolle der älteren, verwirrten Dame gespielt hat. Ich selbst möchte How to Steal a Dog allerdings nicht uneingeschränkt empfehlen. Mir war er dann doch etwas zu stromlinienförmig und ich bin mir nicht sicher, was man aus dem Film für die Zukunft noch mitnehmen könnte, außer den Allgemeinplätzen, dass man Familien nicht auseinanderreissen sollte und Kinder nicht in einem Auto aufwachsen können. Ich fürchte, er gerät recht schnell in Vergessenheit.

Michael Schleeh


***

Sonntag, 18. Dezember 2016

I Am a Hero (Shinsuke Sato, Japan 2016)


 Hideo Suzuki ist der Protagonist dieses Films und sein Vorname lässt sich in Kanji geschrieben wohl auch als Held lesen. Eine Tatsache, die der schüchterne Hideo verlegen weit von sich weist. Das sei er nämlich ganz sicher nicht. Vielmehr ist er, wie seine langjährige Freundin stets betont, vor allem ein richtiggehender Loser, der immer noch einem jahrzehntealten, realitätsfernen Jugendtraum nachhängt, ein echter Mangaka, ein Mangazeichner, zu werden. Nicht nur ein namenloser Assistent, der er nämlich ist. Der Filmtitel darf also getrost ironisch gelesen werden - und deutet doch darauf hin, dass mit seinem Protagonisten etwas passieren wird: ein Reifeprozeß, als es eben nicht mehr anders geht, als er dazu gezwungen wird, "seinen Mann zu stehen". Das muss er für seine Ersatzfamilie, eine Krankenschwester und das Schulmädchen Harumi, das sich zur Hälfte in einen Zombie verwandelt hat. Aber eben nur halb, und da sie sich kaum mehr richtig bewegen kann - dabei aber schubweise enorme Kräfte mobilisieren kann -, ist sie auf ihn angewiesen.

 I Am a Hero ist ziemlich gut fotografiert, immer wieder interessante Perspektiven, auch poetische Bilder der Ruhe und Kontemplation zwischendurch. Und wenn der zweistündige Film dem einen oder anderen zu lange vorkommen mag, dem sei versichert: nein, das ist er nicht. Er nimmt sich Zeit für eine tolle Einführung in die Welt der Charaktere, ins Manga-Studio, wo Hideo Tage und Nächte lang für seinen erfolgreichen sensei schuftet. Oder in sein Zuhause, wo er von seiner Freundin terrorisiert wird, die seit knapp 20 Jahren darauf wartet, dass ihr Freund endlich mal Geld verdient und sie ihn nicht immer mit durchschleppen muss. Überhaupt wieder einmal eine Auffälligkeit: auch in diesem japanischen Film sind die Männer ausgesuchte Trottel und die Frauen das, was die Welt zusammenhält. Kurz darauf beginnt dann die Apokalypse mit einer schönen Straßenszene, zunehmendem Radau, ganz entlang der üblichen Genremuster. Als sich die Erkenntnis durchsetzt, dass es das mit der Welt wohl erstmal war, ziehen sich Hideo und Harumi in Richtung Fuji zurück, da die Höhenluft angeblich die Ausbreitung des Virus verhindern soll. Bald kommen sie im Fuji-Outlet-Center an, und dort findet dann der Rest der Handlung statt, mit einer Truppe Überlebender auf dem Dach und einem Finale in der Tiefgarage.

 Diese Ereignisse im Outlet erinnern natürlich an  Romeros legendären konsumkritischen Kaufhauszombie (aka. Dawn of the Dead) und Shinsuke Sato referenziert das liebevoll in der zweiten Hälfte des Films. Auch gibt es einen Zombie, der verzweifelt an den Türen einer Boutique rüttelt und immer wieder schreit: Ich will shoppen! Und wie es dann die Genremuster so wollen, kollidiert das stetig wachsende Selbstbewußtsein Hideos mit der Autorität des Anführers auf dem Dach, bei dem Anstand, Sitte und Moral durch seine Machtposition korrumpiert worden sind. Auch dort muss er lernen, sich durchzusetzen - nur möchte er das möglichst ohne tote Kollateralschäden. Wer würde da nicht an The Walking Dead denken, wo wir es seit mehreren Staffeln immer wieder auch mit diesem Thema zu tun haben. I Am a Hero ist letztlich nichts Besonderes, er erfindet das Rad nicht neu. Er ist aber liebevoll gemacht, toll gefilmt, hat eine ganze Handvoll sympathischer Schauspieler zu bieten, atmosphärische Waldszenen (ähnlich wie in Wood Job!) und ist letztlich enorm unterhaltsam. Dass es freilich eine Mangavorlage gab, merkt man ihm nicht an. I Am a Hero ist ein sehenswerter Mainstream-Film.

Michael Schleeh

***

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Chongqing Hot Pot (Yang Qing, China 2016)


 Writer-Director Yang Qing hat sich gute fünf Jahre Zeit gelassen, bis er endlich mit seinem zweiten Film, dieser wunderbar genremechanistischen Crime-Komödie nachgelegt hat. Ein sympathischer, aber auch dunkler weil regennasser Film mit viel Tempo, Gespür für seine Stadt, eine Megalopolis im hinteren südwestlichen China, und einem Cast, der diesen Film locker stemmt. Aloys Chen als Taugenichts Liu Bo und Bai Baihe (Monster Hunt, Go Away Mr. Tumor!) als Mauerblümchen Yu Xiaohui sind die beiden Hauptfiguren neben zwei Sidekicks, die einmal Ernsthaftigkeit und einmal Slapstick in den Viererverbund reinbringen. Aber die Eröffnung ist eine handfeste Actionszene, in der eine Bank ausgeräumt wird, wo eben jene junge Dame eine Anstellung gefunden hat. Man wähnt sich wie in einem der harten Gangsterfilme von Johnnie To: nächtliches Neon, starker Regen, kompromissloser Waffeneinsatz einer Räuberbande, die mit Gesichtsmasken aus Journey to the West die Bank erstürmt. Aber anders dann als bei To, wo alles motiviert erscheint aus einer inneren Logik heraus, wo jeder Puzzlestein folgerichtig zu einem anderen Ereignis führt, so ist bei Chongqing Hot Pot der Zufall bestimmend für das weitere Schicksal. Hier hat keiner einen Plan, und der Film schlingert frei atmend durch seine Genreanspielungen hindurch, wie die Figuren morgen schon vielleicht nach Beijing abreisen - oder eben doch nicht. 

 Was auch einiges über die Gesellschaft sagt, diese Kontingenz, die den Film zu grundieren scheint. Und über die Leben, die in dieser Gesellschaft geführt werden. Das alte Modell, das in Form des Großvaters im Film aufscheint, der gepflegt werden muss und der von allen immer Zigaretten zugesteckt bekommt, wirkt wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Und obwohl der Mann schon im Rollstuhl sitzt, hat man immer den Eindruck, dass er sich, gutgelaunt wie er ist,  gleich selbst auf die Brüstung des Balkons legt und eine Rolle vorwärts macht. Ganz so, als wolle er niemandem mehr zur Last fallen - seine Zeit ist vorbei. Und im anonymen Hochhaus mit den hunderten Mietparteien ist er auch nicht am richtigen Ort. Man kann ihn sich gut in einem Hutong vorstellen, eingepflegt in die Gemeinschaft, wo jeder jeden kennt. Doch diese Zeit ist, wie gesagt, vorbei und der Film findet dafür auch keine nostalgischen Bilder mehr. Vielmehr zeigt er Stadt als Großstadt in den Kameraflügen auf das dicht gepackte Zentrum zu, das von braunen Flüssen umspült wird. Yang inszeniert das wie einen gigantischen Moloch, der über Autobahnbrücken und Ferntrassen erreichbar ist, als ob man in ein Herz aus Beton hineinfahren würde.

 Allerdings, das muss man dem Film schon zugute halten:  Kontingenz hin oder her, beliebig ist er niemals. Er weiß schon, was er will, nur verheimlicht er das immer wieder geschickt durch seine Anspielungen, das schnelle Ausscheren in benachbartes Gebiet. Es deutet sich zum Beispiel auch eine Liebesgeschichte an; nur ist es nun so, bevor publikumsseits gestöhnt wird, dass hier einmal das Mädchen den Typen bekommen will - und dieser es aber am commitment mangeln lässt. Wenigstens will sie dann aber das Geld, das als Beute abholbereit zwischen den drei Parteien steht. Nur: wer wird das Massaker überleben? Doch zurück zur Handlung: Die drei Jungs, alte Schulfreunde, haben in einem der Bombenshelter, lange Höhlen, die es wohl zuhauf gibt in dieser Stadt, ein Hot Pot Restaurant gebaut. Dort gibt es viele solche, ist es doch das regionale Spezialgericht. Beim illegalen Ausbau der Räumlichkeiten ist man bei einem Wanddurchbruch zufällig im Tresorraum der Bank gelandet. Nun, wenn das kein Schicksalswink ist! Zugleich aber ist die Bande eines üblen Geldverleihers hinter Liu Bo her, der kann nämlich seine Spielschulden nicht mehr bezahlen. Was also läge näher, sich einfach zu bedienen, wo doch der Zaster schon vor einem liegt?

 Nun, die Bankräuberbande von anfangs hat da was dagegen, denn sie will die Beute schließlich für sich selbst. Und so kommt es am Ende dieses gut 90 minütigen Films zu einem feinen Finale, in dem die drei verfeindeten Gruppen aufeinandertreffen. Klar, Polizisten gibt es auch noch, die haben aber nicht allzuviel zu melden in diesem Film. Hier wird also einiges heiß zusammengerührt in diesem Hotpot, und das ist schon bewundernswert, wie Yang alles zusammenhält, sauber ausführt und gute Anschlüsse hinbekommt, sodaß im Film alles konsekutiv Sinn und Spaß macht. Wie hier souverän mit den Plottwists jongliert wird, lässt den Zuschauer auch gutmütig über die seichteren, banalen Stellen hinwegsehen. Auch wenn das Finale etwas überdehnt wirkt und die dunkle Ruppigkeit der Settings, die übrigens mehr an südkoreanische Thriller denken lässt, denn an Hong Kong - wie auch das ganze digitale Color-Grading dem Film einen ungemütlichen Beigeschmack verleiht -, so ist der Film in seinem Kern doch eine gutmütige Buddy-Komödie, die die auseinander zu brechen drohende Beziehung der Freunde schlußendlich zu konsolidieren weiß. Chongqing Hot Pot ist nun nicht der ganz große Wurf Yangs, aber zumindest ein sehr unterhaltsamer.

Michael Schleeh

***

Freitag, 2. Dezember 2016

Pink and Gray (Isao Yukisada, Japan 2015)



Eine Besprechung von Yavuz Say

 Rengo (Yuto Nakajima) und Daiki (Masaki Suda) sind seit Teenagerzeiten beste Freunde und vergleichen sich sogar mit John und Paul von den Beatles. Als Dritte im Bunde werden sie begleitet von Sari (Kaho), für die Daiki Gefühle hegt, die sie jedoch (zunächst) nicht erwidert. Als Rengo und Daiki von einem Talentscout entdeckt werden, steht ihre Freundschaft am Scheideweg. Jahre später, als der mittlerweile erfolgreiche Filmstar Rengo unerwartet Selbstmord begeht, hinterlässt er Daiki sechs verschiedene Abschiedsbriefe, von denen er den „richtigen“ wählen soll. An dieser Stelle setzt auch der Plot von Isao Yukisadas Pink and Gray ein.

 Der Film kehrt eine typische Konvention um und zeigt die Rückblenden in Farbe, während die Gegenwart in Schwarz-Weiß inszeniert ist. Trotzdem bleibt dies nur eines von mehreren Indizien, ob diese Ereignisse bloß nostalgisch gefärbte Interpretationen sind. In einer doppelbödigen Wendung in der Mitte des Filmes verwischen die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion schließlich endgültig.

 Interessant sind vor allem die Frauenfiguren, obwohl diese zu sehr am Rande auftreten, wo sie aber doch einige wichtige Schlüsselrollen spielen. Eine davon ist Sari, die durch ein eher harmloses Valentinstagsgeschenk an Rengo für Spannungen zwischen ihm und Daiki sorgt. Ein Vorbote für Daikis Befürchtungen, immer im Schatten seines Freundes zu stehen, dem später auch der Durchbruch gelingt. Sie festigen sich schließlich, als Daiki vor lauter Lampenfieber seine Takes und damit seine Chancen auf eine große Karriere ruiniert. Als Rengo bemerkt, wie besessen Daiki davon ist, seinem Freund nachzueifern, zieht er aus der gemeinsamen Wohnung der beiden aus. Auch Rengos Schwester, die ebenfalls früh Selbstmord begeht, liefert eine wichtige Motivation für ihn. Doch für den größten Teil der Handlung bleiben die Frauen eher passiv.

 Nur kurz gelingt es Regisseur Yukisada, diese wieder näher ins Zentrum zu rücken. Daiki, der in einer Art Rollenumkehrung in der zentralen Wendung des Films mittlerweile in Rengos Fußstapfen getreten ist, wird von einem Schauspielkollegen unerwartet in ein exklusives Bordell geführt. Dort umgarnen ihn Frauen, die durch das Schwarzlicht innerhalb der Schwarz-Weiß-Ästhetik wie Negativbilder erscheinen. Bis auf den Einsatz der Farbe Pink bleibt dies die einzige fast allegorische Farbsymbolik. Und als Daiki kurz danach von einer anderen Kollegin verführt wird, entlädt sich schließlich das angedeutete erotische Verhältnis zwischen den beiden in der einzigen Sexszene des Filmes, die einen negativen Kontrast zu seinem plumpen Anmachversuch gegenüber Sari bildet.

 Die restliche Struktur des Filmes bietet jedoch leider zu wenig (außer einem mit Doppelkodierungen und Selbstreflexion zu überladenen Plot), um über eine Fingerübung mit Elementen des unzuverlässigen Erzählens hinauszugehen. Und die Figuren bleiben letztendlich etwas zu naiv und oberflächlich gezeichnet, um eine psychologisch tiefergehende Komplexität zu erreichen. Dennoch gelingt es Isao Yukisada, durch Match Cuts und die Verschachtelung von Zeitebenen zumindest teilweise, ein durchaus kritisches Statement über Performance und Identifikation zu machen. Das ist auch der Besetzung der Hauptrolle durch J-Pop Idol Yuto Nakajima zu verdanken. Die Rollenbesetzung verleiht dem Film dadurch nochmal wenigstens ein leicht subversives Element. 


***