Direkt zum Hauptbereich

Hong Kong International Film Festival 2017


  Bereits zum vierten Mal werde ich dieses Jahr am Festival teilnehmen, und da verwundert es mich nicht, wenn ich dem Ereignis mit viel Vorfreude, aber auch mit einer gewissen Gelassenheit entgegensehe. Es ist einfach gut zu wissen, dass man hier so viel erleben kann, selbst wenn man mal überhaupt keine Lust mehr auf Kino haben sollte. In diesem unwirklichen Szenario ist man gut aufgehoben: zum Beispiel könnte man sich auch die kleineren Attraktionen der Stadt einmal gönnen, die sonst gerne hinten runter fallen. Zum Beispiel mal nach Whampoa fahren, das liegt hinter Hung Hom, denn dort liegt inmitten der Hochhaussiedlungen ein Kreuzfahrtschiff herum. In diesem ist freilich eine Mall untergebracht, in der man - wie überall in Hongkong - alles kaufen kann, was das Herz begehrt. Gegenüber liegt noch ein Einkaufszentrum mit dem "Golden Harvest-Cinema", das aber irgendwie nur so heißt, dass man das Herzflattern bekommt - es ist ein ganz normales Multiplex. Von klassischem Kampfkunstfilm der goldenen Ära ist hier nichts zu verspüren. Hier schauen sich Eltern mit ihren Sprößlingen die Smurfs an und schmatzen Popcorn dazu.

 Das Festival fährt dick auf dieses Jahr: mit den tollsten Filmen der Berlinale ausgestattet, sowie einer - wie es scheint - komplett ausverkauften Edward Yang-Retrospektive (teilweise restauriert). Besonders toll auch die Reihe Paradigm Shift: post-97 Hong Kong Cinema, die eine Überwindung der Krise nach dem Handover an China suggeriert, und in der besonders charakteristische Filme dieser Zeit laufen: von Shaolin Soccer, Running on Karma, Full Alert und Infernal Affairs kann man hier so etliches (wieder-) sehen und neu entdecken, was mittlerweile schon wieder als klassisches Kino gilt. Aber auch andere supertolle Sachen aus dem Bereich Weltkino lassen sich über die Sektionen verstreut finden: etwa Brillante Mendozas Ma' Rosa, Kleber Mendoza Filhos Aquarius, Safari von Ulrich Seidl, Sieranevada von Cristi Puiu, Daguerrotype von Kiyoshi Kurosawa oder auch Revenger (aka. The Assignment) von Walter Hill. Und bevor man's vergisst: wer etwas mehr Sitzfleisch hat, der darf sich Lav Diaz' The Woman who Left gönnen.

 Unmöglich das alles unterzubringen in einer Woche oder zehn Tagen, und da es noch nicht genug ist, so läuft im regulären Kino zum Beispiel an: Mad World von Wong Chun (mit Eric Tsang und Shawn Yue), On the Beach at Night Alone von Hong Sang-soo, Antiporno von Sion Sono, und schließlich auch noch Herman Yaus Shock Wave mit Andy Lau, der in der Stadt beworben wird wie ein neuer James Bond. Auf dem Festival läuft zeitgleich ein ebenso neuer Film von ihm: 77 Heartbreaks. Da bleibt nur eines: sich entspannen, vielleicht zur Chi Lin Nunnery rauszufahren, und ein wenig beten. Das ist alles nur mit buddhistischem Gleichmut auszuhalten. Nach dem Sushi und vor dem Bibimbap, eh klar.

Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

In Bong Joon-hos OKJA (2017) rettet die Liebe eines Mädchens zu seinem Hausschwein eine kleine Welt

Am Beginn von OKJA, Bong Joon-hoos neuestem creature feature für netflix, öffnet sich die koreanische Landschaft auf die schönste Weise. Man staunt über die grünen Hügel und Wälder, die steilen Schluchten und Täler, die einen großen Kontrast setzen zu den allerersten Minuten des Films im Herzen der zubetonierten Metropole Manhattans. Dort nämlich befindet sich die Mirando Corporation, ein Nahrungsmittelhersteller, der mittels Gen-Food seinen Aktienindex hochjubeln möchte. Dazu braucht es Fleisch. Viel Fleisch, und besonders leckeres. Und viel kosten darf es auch nicht. Deswegen werden Riesenschweine gezüchtet (optisch geht das Richtung Seekuh), die Qualitätsfleisch versprechen. Eines der Versuchsschweinchen durfte in den Wäldern und Bergen Koreas aufwachsen, und es ist freilich das Prachtexemplar schlechthin, das dem Film den Titel gibt. Möglicherweise ist es aber vor allem die Liebe, die das Tier erfahren hat, das es so gut gedeihen ließ. Geliebt wird es heiß und innig von dem 13-j…

I Am a Hero (Shinsuke Sato, Japan 2016)

Hideo Suzuki ist der Protagonist dieses Films und sein Vorname lässt sich in Kanji geschrieben wohl auch als Held lesen. Eine Tatsache, die der schüchterne Hideo verlegen weit von sich weist. Das sei er nämlich ganz sicher nicht. Vielmehr ist er, wie seine langjährige Freundin stets betont, vor allem ein richtiggehender Loser, der immer noch einem jahrzehntealten, realitätsfernen Jugendtraum nachhängt, ein echter Mangaka, ein Mangazeichner, zu werden. Nicht nur ein namenloser Assistent, der er nämlich ist. Der Filmtitel darf also getrost ironisch gelesen werden - und deutet doch darauf hin, dass mit seinem Protagonisten etwas passieren wird: ein Reifeprozeß, als es eben nicht mehr anders geht, als er dazu gezwungen wird, "seinen Mann zu stehen". Das muss er für seine Ersatzfamilie, eine Krankenschwester und das Schulmädchen Harumi, das sich zur Hälfte in einen Zombie verwandelt hat. Aber eben nur halb, und da sie sich kaum mehr richtig bewegen kann - dabei aber schubweise …

Wenn die Festplatte raucht: GANTZ:0 - ein Computerspiel getarnt als Film (Yasushi Kawamura & Keiichi Sato, Japan 2016)

"We are stuck in an endless survival game!"
 Im Funkenflug löst sich das Ich auf: rausgebeamt aus dem Spielfeld, in diesem Fall die berühmte Shibuya-Kreuzung (weil: drunter geht's nicht), als das Monster mit dem Tentakelkopf erledigt ist. Der Tote bleibt zurück, die Überlebenden dürfen ins nächste Level vordringen. Nach dem Vorspann, der eigentlich keiner ist, weil nur der Filmtitel eingeblendet wird: next stop: Osaka! Dort sind weitere Monster gesichtet worden, dort muss man sie nun bekämpfen. Freilich auf der Brücke in der Fußgängerzone, in Dotonbori, vor dem Hintergrund der berühmten Werbetafelfeuerwerke (weil: drunter geht's nicht).
 Ein Film, der nicht mehr aussieht wie ein Film, sondern wie ein Computerspiel. Künstliche Charaktere mit Stimmen von Menschen. Alles präzise gesteuert, sogar das Wippen der Brüste im Kampfdress völlig CGI-verseucht. Alles designt, noch viel künstlicher als in den beiden GANTZ - Teilen zuvor. Die Kämpfe haben freilich auch nichts mit…