Direkt zum Hauptbereich

17. Nippon Connection Filmfestival in Frankfurt - Das Programm


 Das Programm des Japanischen Filmfestivals Nippon Connection steht fest! Und es ist wieder einmal eines, das an Höhepunkten nicht arm ist. Neben der Hauptschiene, den Filmen der Sektion Nippon Cinema mit den vielen Publikumsmagneten, besonders interessant - wie letztes Jahr - die paar kleineren Filme, von denen man noch nie gehört hat und die sich hauptsächlich in der Reihe Nippon Visions tummeln - eine Sektion eigens für Independentkino und Filmdebüts abseits des Mainstreams.

 Einige möchte ich hier direkt erwähnen: etwa die Komödie Dynamite Wolf von Kohei Taniguchi, in der ein Grundschüler seine Liebe zum Wrestling entdeckt; Eriko, Pretended von Akio Fujimura, in dem eine erfolglose Schauspielerin von Tokio nach Hause zurückkehrt und sich sowohl einer Familientragödie als auch ihrem glücklosen Lebensplan stellen muss; oder die von mir heiß erwartete Dokumentation Raise Your Arms and Twist über die Popgruppe NMB 48 (ein Klon der enorm erfolgreichen Mädchensupergruppe AKB 48), gefilmt von Atsushi Funahashi, der schon mit seinem Fukushima-Filmen Nuclear Nation (1 & 2) schwer beeindrucken konnte; Fukushima gibt es auch in Gilles Laurents Doku La Terre Abandonnée, die einen Mann portraitiert, der im evakuierten Städtchen Tomioka innerhalb der Sperrzone ausgeharrt hat. Regisseur Laurent selbst ist übrigens tragischerweise ein Opfer der Terroranschläge von 2016 in Brüssel geworden; außerdem natürlich völlig unverzichtbar: der japanische Film mit dem tollsten Titel seit Gedenken: The Tokyo Nightsky Is Always the Densest Shade of Blue von Yuya Ishii, der schon für den tollen The Great Passage verantwortlich zeichnete, und den ich beim Festival in Hong Kong verpasst habe.

 Aber nochmal ganz von vorn: Vom 23. bis 28. Mai 2017 also verwandelt sich Frankfurt am Main zum 17. Mal "wieder in die heimliche Hauptstadt Japans", wie es so schön in der Ankündigung heißt. Für den asiatisch-japanophilen Kinogänger bedeutet das natürlich auch: Frankfurt wird für eine Woche lang zur wichtigsten Stadt Deutschlands (oder wie es bei Schöner Denken treffend formuliert wurde: diese Woche wird zum Kino-Weihnachten). Vom Kuratorenteam wurden über 100 neue Lang- und Kurzfilme zusammengestellt: vom Blockbuster- und Independentfilm bis hin zu Animations- und Fernsehfilm. Außerdem das enorm erlebens- und verköstigungswerte Rahmenprogramm: Musik, Konzert und Tanz, Karaoke und Bier, Pachinko-Lounge nebst Izakaya und Bentobox-craziness allenthalben. Die Veranstaltungen finden hauptsächlich in den beiden Festivalzentren "Künstlerhaus Mousonturm" und "Theater Willy Praml" in der Naxoshalle (sowie an sechs weiteren Orten in Frankfurt) statt. Eigentlich gilt immer noch, was ich bereits 2016 zum Festival geschrieben habe: Was ich nie vergessen werde: wie im Frühjahr 2013, an einem für die Jahreszeit viel zu heißen Tag, die ganzen Leute, mit denen man sich getroffen hat, dann gemeinsam ins Filmmuseum Frankfurt hinabgestiegen sind um sich im kühlen, dunklen Kino von einer Bikergang überfahren zu lassen. - für Allgemeines also bitte gerne hier entlang.

 Dieses Jahr wird - nach Kiyoshi Kurosawa letztes Jahr und Tadanobu Asano vorletztes - ein ganz besonderer Schauspieler erwartet: Koji Yakusho, einer der bekanntesten Darsteller Japans - und damit einer, der sich schon früh in meiner Leidenschaft fürs japanische Kino als markantes Gesicht eingeprägt hat: zum Beispiel in Kiyoshi Kurosawas düsteren, frühen Dystopien und übersinnlich grenzgängerischen Kriminalfilmen. Seinen Durchbruch erlang Koji Yakusho mit der kuriosen Darstellung des „Mannes im weißen Anzug“ in Juzo Itamis sagenhaft lowbrowigem Tampopo (1985), ein dramatischer Film auch über das Essen und gefilmt in den verstaubten Farben einer ausgeblichenen Wohnzimmertapete aus der Eifel. Es ist der Kontrast, der es spannend macht. Seinen internationalen Status erlangte er aber mit dem großartigen Shall We Dance? (1996) von Masayuki Suo, von dem es auch ein US-Remake gibt, das sich aber keiner anschaut, der das Kino liebt. Außerdem: Babel (2006) von Alejandro González Iñárritu und jetzt beim Festival das historische Drama The Emperor in August von Masato Harada (Bounce KO Gals, Kamikaze Taxi, Heartbreak Yakuza), vor dessen Vorführung am Sonntag Abend  die Preisverleihung stattfinden wird.
  
 Nun also noch Nippon Cinema: die Sektion, in der sich die Highlights die Hand geben. Bereits von mir gesehen und wärmstens empfohlen: Her Love Boils Bathwater von Ryota Nakano, bei dem ich so viel geflennt habe, wie schon lange nicht mehr; außerdem: die supertolle Zombie-Hommage I Am A Hero (Besprechung hier) von Routinier Shinsuke Sato, dann: Shin Godzilla natürlich, bei dem sich viele beschweren, dass sei kein richtiger Godzilla, weil ... Aber man sollte doch dabei bedenken: Fukushima. Und weil da die Politik wieder einmal versagt hat, deswegen wird eben viel geredet in diesem Film, weil die Menschen mit Katastrophen nicht umgehen können. Und auch darüber muss man eben mehr reden. Also: ansehen. Dann auch noch Altmeister Sabu (mit zwei Filmen: Mr. Long & Happiness) und Kiyoshi Kurosawa mit seinem Frankreich-Film Daguerrotype. Auch Nobuhiro Yamashita lässt sich nicht lumpen mit gleich zwei Filmen (Over the Fence & My Uncle). Yamashita wird einmal im Alleingang das japanische Kino retten, falls es nötig sein sollte (oder mit Eiji Uchida zusammen). Und freilich auch der Shunji Iwai mit seinem A Bride for Rip van Winkle (Besprechung hier). Survival Family von  Shinobu Yaguchi hört sich großartig an: er ist der Regisseur des stilbildenden Waterboys (2001) - Vorläufer von Swing Girls (Liebe!) - und des irre tollen Wood Job! (2012), der hier in unseren Gefilden leider etwas untergegangen ist. Erhältlich aber auf Blu-ray aus UK. Destruction Babies und Harmonium dann noch, eh klar.

 In der Reihe für Animationsfilme: In this Corner of the World (Sunao Katabuchi), ein Film, der auf sehr unaufgeregte Weise mit dem Atombombenabwurf von Hiroshima zu tun hat und der mir ganz ausgezeichnet gefallen hat. Tolle Animationen, superschöne Musik, gute Haltung zum Thema und zum Kino generell.

 In der Reihe Nippon Retro geht es dieses Jahr um Ekstase und Verlangen:  – In the Realm of Roman Porno. Es ist die Sache mit dem Schmuddel, die hier verhandelt wird, und über die Jasper Sharp ein tolles Buch geschreiben hat. Es ist vielleicht eines der tollsten Filmbücher überhaupt, wo gibt. Behind the Pink Curtain. Und nicht nur, weil viele Bilder darinnen sind. Tatsumi Kumashiro und Noboru Tanaka, zwei ganz umtriebige Meister der Triebtäterschaft, werden in Frankfurt ausfühlich vorgestellt in einem so renommierten Etablissement wie dem Filmmuseum. Und da muss man schon sagen: eigentlich sollte man sich das nicht entgehen lassen, und ausschließlich Retro schauen. So wie letztes Jahr mit den Geisterfilmen. Das ist Filmgeschichte von ihrer schlüpfrigsten und schönsten Seite zugleich. 1971 ging es los bei Nikkatsu mit den Erotikfilmen, meinem Geburtsjahr. Und heute gibt es wieder ein Revival mit dem Reboot-Projekt. Sion Sonos Antiporno gehört auch dazu. Der ist eine durchgedrehte Meta-Farbenexplosion, die ziemlich einzigartig ist, auch wenn sich die Freude des Zuschauers bisweilen etwas in Grenzen hält. Von Wet Woman in the Wind und Dawn of the Felines kann man sich aber jetzt schon auf dem Festival überzeugen.

 Und damit soll es erstmal genügen. Das komplette Programm gibt es hier auf der Webseite des Festivals. Alles Weitere später in Reviews und Berichten. Auf Schneeland, ab und an im Podcast bei Schöner Denken, kürzere Kommentare und wenig erhellende Blurbs wird es bei letterboxd geben, oder für's ganz aktuelle Geschäft: please follow @twitterどうもありがとうございます.
 
Michael Schleeh

P.S.: Hier noch ein Hinweis auf das Blog der Nippon Connection, in dem dieses Jahr auch verschiedene Gastbeiträge veröffentlicht werden sollen. Informative Beiträge rund ums Festival, sowie Interviews mit RegisseurInnen lassen sich hier finden.

***



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…

A Pool without Water / Mizu no nai puuru (Kôji Wakamatsu, 1982)

Überdeutlich ein Film der 80er Jahre: körnige Farbflächen, Neonlicht, Großstadt. Melancholische Synthieflächen zu den Gesichtern von Menschen, die sich in sich selbst zurückgezogen haben. Da ist ein Familienvater, der den Alltag nicht mehr erträgt: er arbeitet bei den Verkehrsbetrieben, steht den ganzen Tag am Eingang zur U-Bahn und muss Fahrscheine entwerten. Auf dem Screenshot oben sieht man seine Hand mit dem Locher, den er in rasender Geschwindigkeit und in panischen Rhythmen zusammenklackert, ein Stakkato zur elegischen Hintergrundmusik. Ein sprechendes Bild ist das: äußerlich scheint er völlig ruhig zu sein und abgetaucht in die Monotonie seiner endlos öden Arbeit - dieses Detail aber offenbart, wie sehr er innerlich aufgeladen ist.
Diese Spannung überträgt sich bald auf die Handlung und findet ein Ventil - mehrfach wird er Zeuge, wie verschiedene Menschen, meist Frauen, Opfer von Rücksichtslosigkeiten, rüpelhaftem Benehmen oder gar körperlicher Gewalt werden. Da ist er dann de…

Nippon Connection 2017: Kohei Taniguchis Independent-Wrestling-Komödie DYNAMITE WOLF (Japan, 2017)

Der kleine Hiroto, oben links außen auf dem Bild, steckt in der Krise: er ist zwar erst in der Grundschule, doch kann er sich partout nicht dafür entscheiden, welchen Freizeit-Kurs er an der Schule belegen soll. Es versucht es mit Fußball, das endet aber dramatisch als Desaster. Da gerät er zufällig in ein Wrestling-Match mit dem berühmten Dynamite Wolf und ist wie elektrisiert: das Spektakel, die Inszenierung, das Toben der Leute vor Begeisterung - ja, da schlägt sein Herz höher und zum ersten Mal lächelt er dann im Film. Seinen Eltern und den Mitschülern erzählt er erstmal nichts von seiner neuen Leidenschaft, ist doch seine einzige Möglichkeit zu trainieren die Bekanntschaft mit einem merkwürdig abgerissenen Gesellen am Flußufer (oben rennend), der mit einer umgebauten Dummy-Sexpuppe als Sparringspartner trainiert. Ob das der richtige Umgang für einen Jungen ist, das darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.
 Aber natürlich, so will es das Gesetz des Films: es hätte ihm nichts Be…