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Samstag, 25. März 2017

In Another Country (Hong Sang-soo, Südkorea 2012)


 Im Gegensatz zu Right Now, Wrong Then, bei dem alles am Ende seine Ordnung bekommt, ist es bei diesem Film so, dass in der letzten der drei Varianten die Geschichte in die Katastrophe kippt. Oder diese sich zumindest andeutet. Man denkt, gut, jetzt betrinkt sie sich, die sitzengelassene Frau mit ordentlich Soju und geht dann ins Wasser. Aber von wegen: aus dem Wasser heraus ersteigt ihr Retter: ein lifeguard. Leben gerettet, nun bereits schon wieder an Land. Aus Dankbarkeit und weil es halt plötzlich so kommt, da schaut sie mal in sein Zelt hinein: zwei, drei Flaschen später ist der Todestrieb passé. Vom Thanatos zum Eros. Isabelle Huppert spielt da eine leicht Derangierte, die emotional einiges sortieren muss, weil ihr Mann sie gerade für seine koreanische Assistentin verlassen hat. Andererseits sagt ihr ein Mönch auf den Kopf zu, sie habe sich seit ihrer Kindheit nie verändern müssen. Sie sei ein wenig zu sehr verwöhnt worden vom Leben und hat wohl oft das bekommen, was sie wollte.

 Hong also erzählt drei Geschichten, die weniger miteinander zusammenhängen, als dass sie Varianten von einander sind: einmal ist die Huppert eine Regisseurin, das alter ego Hongs oder der Regisseure aus seinen vorherigen Filmen, egal; und einmal ist sie die Geliebte eines älteren Arthouse-Regisseurs und sie treffen sich dort in Mohang am Meer auf ein Stelldichein. Und drittens ist sie eine frisch Geschiedene, die sich von ihrem untreuen Mann getrennt hat, und die nun am Meer mit einer Begleitung ein paar Tage verbringt. Problemfrei ist das nie, der Film ist wie das Leben. Und die Huppert spielt das alles sehr natürlich mit ihrem herben Huppert-Charme, auf den, scheint's, auch die koreanischen Männer fliegen, wie die Honigbienen zur Blütenstaude. Dreigeteilt also die Struktur, eingebunden zudem in den Film als fiktive Visualisierungen eines Drehbuchs, das in einer Rahmenhandlung in actu gerade erst verfasst wird. Denn so beginnt der Film: als Fantasie zwischen einer Mutter und Tochter, die ebendort in Mohang ein paar Tage verbringen. Die Mutter beginnt, um ihre Nerven zu beruhigen,  ein Drehbuch zu schreiben. Das sind die Geschichten, die der Film erzählt.

Dieser Entstehungsprozess dürfte auch eine Meta-Anspielung auf Hongs eigene Arbeitsweise sein, der bekanntlich recht spontan morgens am Frühstückstisch die nächste Szene seines Films skizziert. Welche dann semi-improvisiert gespielt und recht frei gesprochen wird. So findet der Film sich selbst, zu sich, im Moment des Entstehens. Die Filme Hongs sind suchende Filme, die vorher noch nicht wissen, wohin sie streben werden. Offenes Konzept, offene Struktur. Einfluss aller Beteiligten. Man mag es manchmal kaum glauben in einer Welt, in der Filme nicht als Kunst, sondern überwiegend als vermarktbare Produkte betrachtet werden, als Ware zum Verkauf. Aber so wird es berichtet.

Michael Schleeh

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Freitag, 10. März 2017

The Story of 90 Coins (Michael Wong, China 2015)


Michael Wong ist ein Filmemacher aus Malaysia, der zur Zeit in Peking, China, lebt. Dort ist auch sein romantischer, 10 minütiger Kurzfilm angesiedelt: in einem hippen Ambiente zwischen Luxuswohnung im Neubau und einer schicken Agentur für Modedesign, in der die beiden Protagonisten arbeiten (gespielt von Han Dongjun und Zhuang Zhiqi). Er liebt sie und sie liebt ihn (vielleicht, ja) - aber als er einen Heiratsantrag macht, da ist sie zurückhaltend. Man weiß nicht warum, allerdings scheint es so, als sei sie sehr erfolgreich und gerade mit der neuen Kollektion beschäftigt. Möglicherweise ist es die Arbeit, die ihr den nötigen (geistigen?) Freiraum nicht gewährt. Später stellt man dann fest: vielleicht ist es auch seine Eifersucht, die sie zurückhält, sich "für immer" zu binden.

Er gibt ihr 90 Tage Zeit, zu einem Entschluß zu kommen. An jedem Tag wird sie symbolisch eine Münze von ihm bekommen und nach Ablauf des Zeitraums soll die Summe gemeinsam vertrunken werden; entweder als Feier zur anstehenden Hochzeit oder als Goodbye-Zelebrierung. Der Plot des Films wirkt etwas stark forciert, ein Plot, der eine künstliche Spannungskurve aufbaut: spielerisch zwar, aber auch einen allzu schönen Bogen abgebend für einen Kurzfilm. Es ist die "unerhörte Begebenheit", die dem Film zum einen das Zentrum gibt, zum anderen aber zugleich zu sehr nach Lehrbuch, nach Schablone, nach Filmschul-Skizze schmeckt. Insgesamt wirkt der Film auch sehr gedrängt, vollgestopft mit Erzählung, etlichen Voice-Over-Kommentaren und Perspektivwechseln, sodaß man in diesem eigentlich sehr melancholischen Film als Zuschauer ziemlich in die Bedrängnis gerät, nichts zu verpassen. Dazu gesellen sich teils rasend schnelle Untertitel, was kontraproduktiv zur Wahrnehmung der Bilder ist.

Und das ist schade, denn - neben der überzeugenden Protagonistin - sind es vor allem die Bilder der Kamera, die zu gefallen wissen. Der Film ist sehr schön geschossen und flüssig (manchmal allerdings zu schnell) montiert. Die Musik hingegen drückt zu sehr auf die Tränendrüse, was vor allem beim Finale deutlich wird, als ihre Aufkündigung der Freundschaft und der Entschluß, nach Paris zu gehen, zum endgültigen Bruch führt. Leider drängt sie der Film in die Rolle der Schuldigen, die ihre Entscheidung schließlich bereut. Kurz vor dem Abflug geraten ihr wieder die Münzen in die Hände, mitsamt den Liebesbriefen, und das große Bedauern setzt ein. In Flashback-Montagen holt der Film dann diese Momente nach, in denen deutlich wird, wie sehr sich ihr Freund um sie bemühte. Dabei gerät außer Fokus, dass es seine eigene Eifersucht war, die sie nicht akzeptieren konnte, und die sie von ihm fort trieb. Es ist ein Ende, das die Motivationen etwas verzerrt und die verworrene Gefühlslage nicht aufzuklären versteht. The Story of 90 Coins ist ein engagierter, professionell inszenierter Debüt-Film, jedoch etwas overstuffed, etwas zu moralisierend, zu slick und "drüber" in mancherlei Hinsicht. Bei dieser kurzen Spielzeit wäre Zurückhaltung und etwas weniger von allem mehr gewesen.

Michael Schleeh

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Man kann sich The Story of 90 Coins online im Stream bei vimeo ansehen.

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Donnerstag, 2. März 2017

Sleep Has Her House (Scott Barley, GB 2016)


"And the dark is always hungry." (Scott Barley)

Scott Barley's apocalyptical drone-room of a film is a fascinating experience. Not only a film to watch, but definitely one to listen to, as the audio is almost as impressive as its pictures. Very often, the images are blurred in the beginning, but with the slightest movements of the camera, the picture does get clearer, more concrete, focused, but sometimes nothing happens at all, too. Nevertheless, the film feels very dynamic - it's a weird state of an inherent Bildspannung, a suspense (and tension that might rip apart) inside of the images themselves that keeps you totally immersed. Static movement of the camera might be the term of technique to describe the process of capturing those dreamlike images, which are almost incomprehensive at first, always hard to grasp. As there seems to be no plot, no dialogue, no actors, there are none of the usual narrative anchors that guide us through a film, or movie. Obviously, the director is searching after something else. Sleep Has Her House looks and feels like an art film that got stuck in the mud of a wasteland.

The audio accompanying the cinematic images build up a horizon resembling a huge wall of sound that makes everything in this film feel dark, dangerous and threatening. It definitely feels like we are the last survivors on earth who got spared from some apocalytical virus attack, hiding in the woods, underneath the branches of wet trees while darkness falls upon earth. And: eternal darkness that is. Maybe there will be a moon coming up illuminating our wounds, our horrors, our fears -  or there may be a planetary crash that might destroy everything that we knew. Then the last souls of mankind may rest in Valhalla (if lucky), go to hell, or have to wander around eternally as there surely is no salvation. The wasteland that we see is already in ourselves. 

And then, suddenly, there's beauty. In the night sky, reflected in the water of a lake. Which one doesn't recognize at first, but as there's wind coming up, the ripples start to break up the surface - and thereby the image. The reflection of the stars is soothing, somehow, although I don't know why. Maybe, because nature has come to rest, became quiet again - like it is quiet in ourselves. There is, at least, a short moment of peace and beauty. The river, for example, being illuminated by the moon bears no resemblance to rivers we know. Not the ones in the films of Shohei Imamura, not the the one in Jean Renoir's Indian masterpiece, not the one in Tsai Ming-liang's ode to urban depravation. It is a river like an imaginery spring of existance, where the origin of mankind found its first drops of life. Only to transform shortly after into the mist of the woods, the deep forests captured by clouds, when everything that was liberating or even soothing maybe, turns into the dark of night again.

I have no clue what the title of that film really means. But it is full of associations, of fatigue and death, of eternal sleep, of a home lost at the end of the world. It might be a fairy tale or the title of a poem. It is melancholic and dramatic at the same time. I could imagine large filmstills from the works of Guy Maddin, huge pictures put up at the walls of a museum that elude a soft gleam into the darkness of an isolated, encapsulated space - transforming maybe into the black box of a film theatre. Sleep Has Her House. I don't know what I have seen exactly in those 90 minutes, but it was beautiful.

Michael Schleeh

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