Direkt zum Hauptbereich

Raees (Rahul Dholakia, Indien 2017)


 Die Geschichte des Gangsters und Spirituosenschmugglers Raees (Shah Rukh Khan) im Gujarat der 80er und 90er-Jahre, und wie er mit seiner Unerschrockenheit ganz an die Spitze der Macht gelangt. Doch dann der Fall: zur Strecke gebracht durch die Hartnäckigkeit eines einzigen Polizisten namens Majmudar (gespielt von Nawazuddin Siddiqui). Ein Epos, das sogleich mindestens drei Assoziationen und Verbindungslinien aufscheinen lässt: eine, die zu Coppolas Epos Der Pate reicht, eine weitere zu den aktuellen Serienproduktionen wie Narcos, und eine zu den Anfängen von Shah Rukh Khans Karriere, noch vor seiner Zeit als er den hanswurstigen Schwiegermutterliebling zu verkörpern wusste, wie kaum ein anderer. Als er die Bösewichte spielte, die zu Sympathiefiguren wurden, obwohl sie drastische Gewaltverbrechen begingen.

 Das ist hier in Raees nicht viel anders: immer wieder schockiert der Film geradezu, etwa in den Faustkampfszenen, die von einer Härte sind, die man eher mit südkoreanischen oder thailändischen Martial-Arts-Filmen assoziieren würde, Szenen, bei denen man schon den Schnitt weg von der Bluttat erwarten würde. Aber nein, die Kamera hält drauf, die Gewalt wird in Raees explizit ausgestellt. Somit ist auch der Charakter von Raees selbst etwas ambivalenter, als man zunächst denken würde. Doch andererseits ist es wieder so, dass man sich kaum einen Film vorstellen könnte, der weniger auf seine Hauptfigur, seinen Helden, seinen indischen Nationalhelden zugeschnitten wäre, wie Raees auf Shah Rukh Khan. Der Mann besticht in jeder Szene durch seinen Charme, durch sein extrem gutes Aussehen, durch seine irre tollen Klamotten. Er ist die lebendige Personifizierung von Style schlechthin. Zudem federt der Film Raees' Gräueltaten moralisch auch etwas ab, da sich dieser explizit auf die "mitmenschliche" Versorgung seines Viertels mit Alkohol beschränkt - sozusagen eine semi-soziale Straftat begeht (in Gujarat herrscht Prohibition). Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten, die zudem mit viel übleren Lastern handeln, etwa mit Drogen oder der Prostitution. Der Film will uns glauben machen: Raees ist eigentlich ein Guter unter den Bösen.

 Der Film besticht außerdem durch seine wie hochroutiniert ablaufende Entertainment-Struktur, die ihn trotz seiner Länge extrem kurzweilig macht. Es ist - zumindest bis zur Intermission - kein Moment der Langeweile auch nur zu erahnen. Auch mit den Song & Dance-Szenen wird sich merklich zurückgehalten: vollständig choreographiert sind es lediglich zwei Szenen, die also auch nur bedingt Spielzeit einnehmen im Film - und eine wird sogar zwischenmontiert mit einem weiteren Handlungsstrang: der Ermordung eines Kontrahenten von und durch Raees. Früher hätte man das vielleicht noch mit Split-Screens gemacht, heute funktioniert das auditiv über den Sound, der als Verbindungsglied zwischen den beiden filmischen Ebenen dient.

 Zur persona Raees gehört aber auch das alter ego auf der anderen Seite des Gesetzes, so will es die Genrestruktur, so will es die Schablone: Majmudar, der Polizist, der einzige, der ihm die Stirn bietet. Der irgendwie auch wahnsinnig ist wie Raees, aber der nicht ganz so spiegelbildlich angelegt ist, wie zuletzt etwa Vicky Kaushal als Raghavan in Anurag Kashyaps Psycho Raman. Wo dort bereits die Grenzen verfließen, ist man hier immer sicher, wer gut und wer böse ist. Denkt man zumindest, denn Raees fordert Majmudar heraus: jedesmal, wenn er ihn hinter Gittern hat, befreit er sich wieder mit einem noch klügeren Schachzug. Das treibt Majmudar dazu, ganz am Ende eine unkonventionelle Lösung zu suchen, und für den Kinozuschauer bedeutet das: seht her, verrottet sind sie alle, Werte gibt es keine mehr. Die Moralfrage also stellt der Film nur indirekt. Es wird nicht ausformuliert, wie man sich zum Ende zu positionieren hat, da die Verunsicherungen sogar zugelegt haben, nicht geklärt worden sind. Die Figuren gehen noch ambivalenter aus dem Film hinaus, als sie hereingetreten sind. Und das ist auch gut so, etwas Offenheit in diesem dichten Actionfeuerwerk zu gestatten, etwas, das dieser Film nämlich auch ist: ekstatisches Bewegungskino.

Michael Schleeh

***

RAEES läuft seit 5. Februar in den deutschen Kinos.

Der Film erscheint als Blu-ray via Rapid Eye Movies und kann hier schon vorbestellt werden.



***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Komödie mit äußerst trockenem Humor: SAWAKO DECIDES von Yuya Ishii (Japan, 2010)

Das mangelnde Selbstbewusstsein und eine niedrige Meinung von sich selbst haben: das ist das Motto, das Yuya Ishiis Komödie SAWAKO DECIDES wie einen roten Faden durchzieht. Diese Charaktereigenschaften betreffen eigentlich das gesamte jüngere Personal des Films, vor allem aber die Anti-Heldin Sawako. Sie stutzt dann auch alle in ihrer Umgebung zurecht, wenn wieder einmal eine(r) größe Töne spuckt und kräftig aufschneidet. Und wie ihr Weg dann zu mehr Selbstbestimmtheit, Souveränität und Autonomie führt, das erzählt dieser Film.
 In Tokyo quält sie sich durch den Alltag eines öden und demütigenden Bürojobs, der häufig darin besteht, dass sie den Herrschern dieser Welt, also den männlichen Angestellten, irgendwelche Akten bringen muss, oder auf Wunsch auch Kaffee. Ihr Freund ist einer aus der Kreativabteilung - er wurde aber gerade geschasst, da die "Mama-Puppe", die er entworfen hatte, eine Pleite war. Zuhause strickt er gerne blaue Pullover und seine Ex-Frau hat ihn sitzen…

Eine Geschichte von Kunst und Tod: Tharai Thappatai (Bala, Indien 2016)

Bala gilt als einer der großen Erneuerer des indischen Kinos. Genauer: des Südindischen, als Vertreter der Tamilischen Neuen Welle. Er macht mit wenig Geld wütende Filme, die mit eingefahrenen Konventionen brechen und die sich nicht an den fertigen Konzepten der Filmindustrie wie auch den Sehgewohnheiten der Zuschauer orientieren. Sein Bezugspunkt ist die Realität mit all ihren Untiefen, nicht der romantische Eskapismus. Besonders erwähnenswert wäre etwa sein arg ungestüm unrundes Debüt, der ungeschliffene SETHU (1999), wie auch einer meiner liebsten indischen Filme überhaupt, der zehn Jahre später entstandene, völlig durchgedreht wilde NAAN KADAVUL (2009). Bala ist einer der markantesten Hoffnungsträger einer Generation Filmemacher, die das Potenzial haben, die Vormachtsstellung eines in Südindien sich schon längst etabliert habenden Mainstreamkinos - in all seinen Varianten - zu erschüttern und zu erneuern. Auch wenn THARAI THAPPATAI etwas zahmer ausfällt als der eben genannte NAA…

Ein Mann ist nicht zu fassen: MAIN AUR CHARLES von Prawaal Raman (Indien, 2015)

"Charles is an intellectual, he is the reincarnation of Buddha!"

 In diesem indischen Caper-Movie ist nicht nur der Protagonist Charles (Randeep Hooda) nicht zu fassen, sondern der Film als solches ebensowenig. Die weithin als Biopic angekündigte Gangsterballade ist die Idealisierung eines Verbrechers, der mit seinem Charme vor allem die Damenwelt betören konnte, um sie anschließend auszunehmen. Dabei hat er auch keinerlei Hemmungen, wenn Blut fließt oder es zu schwereren Kollateralschäden kommt.
 Der Film, der als 80er-Hommage angelegt ist, dabei aber ständig den Geist der 70er atmet, etwa in Klamotten, Lebenseinstellung und Musik, ist ein schwer erträglicher Mischmasch aus Dingen, die Spaß machen sollen, und dabei nur nerven. Denn eine eigentliche Geschichte erzählt er nicht. Was nicht schlimm wäre, würde man sich in interessanten visuellen Bildwelten verlieren können, etwa beim permanenten Drogen- und Alkoholkonsum der Darsteller, oder dem ständig verfügbaren Geschlechtsv…